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Leben in den Straßen Bogotas

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Bogota ist wie viele Großstädte dieser Welt: Ihr Angebot an Kultur und Freizeitaktivitäten ist groß, die Straßen verheißen auch am Abend im Licht der bunten Reklamen Leben, Wohlstand und Konsum. Ihre Straßen sind aber auch die Heimat für viele Menschen, die in ihnen schlafen, arbeiten und leben. Sie stehen an verkehrsreichen Kreuzungen und nutzen die Ampelphasen um haltenden Autos die Windschutzscheibe zu putzen oder den auf Grün wartenden Fahrern die Zeit mit akrobatischen Einlagen, Feuerspucken, kleinen Zaubertricks und Clownereien zu verkürzen. Der Lohn sind ein paar schnell aus dem Wagenfenster gereichte Pesos.

Oder sie ziehen auf ihren selbst gezimmerten Pferdefuhrwerken durch die Stadt und durchsuchen den Müll nach Verwertbarem, was sich dann beim Schrotthändler verkaufen lässt. Manche haben kein Pferd und ziehen ihren Karren selber. Einige ziehen alleine durch die Straßen, viele sind mit Begleitung unterwegs.

Ich bin sicher, viele Großstadtbewohner in allen Ländern dieser Welt kennen diese Menschen von denen ich heute schreibe. In Deutschland bezeichnet man sie als Obdachlose, in Kolumbien als „Indigentes“, was übersetzt arm, bedürftig oder unbemittelt heißt.

Wie leben diese Menschen in einer Stadt wie Bogota, wer hilft ihnen, wer zählt sie, sind sie obdachlos oder unbemittelt? Oder ist das das gleiche?

Hier geht’s weiter:

Es ist kühl, als wir uns mit der „Patrulla“ der Stiftung „Niños de los Andes“ treffen. Wir, das sind die Mitarbeiter des viventura Partnerbüros in Bogota. Jeden Dienstag- und Donnerstagabend fahren Mitarbeiter der Stiftung „Niños de los Andes“ zu den sozialen Brennpunkten der Stadt. Hier suchen sie die „Indigentes“ auf, reichen ihnen einen Becher mit warmem Kakao und zwei Brötchen, reden mit ihnen und untersuchen sie medizinisch. Dafür sind ein Arzt, eine Psychologin und eine Sozialarbeiterin im Team.

Unser erster Halt ist in Galerias, einer Geschäftsgegend mit Parks, sauberen Straßen und natürlich bunten Reklameleuchten. Der flüchtige Passant wird sie wahrscheinlich nicht wahrnehmen, aber auch in dieser Gegend arbeiten „Indigentes“. Hier lernen wir William kennen. Er ist mit seiner Frau und seinem kleinen, vier Monate alten Sohn unterwegs. Als wir ihn ansprechen erschrickt er gewaltig und sagt sofort: „Ja, selbstverständlich, sehr gerne!“ Wir beruhigen ihn und machen ihm klar, dass wir nicht von der Polizei kommen und ihn mit seiner Frau nur zu einem kleinen Imbiss einladen wollen. Er strahlt über das ganze Gesicht. Sein Lächeln wärmt uns alle und mir geht plötzlich dieses Lied: „Streets of London“ durch den Kopf. Wie kann ein Mensch, der gerade den Abfall nach Verwertbarem durchsucht und dessen Frau und Baby am Straßenrand kauern nur so warm und ungezwungen lächeln?

„Ich habe befürchtet, ihr wärt von der Polizei und wolltet mir das Kind weg nehmen, weil ich es mit auf meine Arbeit nehme. Meine Frau wollte unbedingt mit und so begleiten sie mich heute. Aber ich habe ein Zimmer und das Kind und meine Frau sind meistens dort.“ Er erzählt uns voller Stolz, dass sein Sohn auch William heißt und dass er, William Sr., ihn auf die Welt gebracht hat. „Die Geburt ging so schnell, ich konnte gerade meine Hände ausstrecken und meinen Sohn in Empfang nehmen, so schnell ging das!“ Und er tanzt dabei von einem Bein auf das andere, bewegt die Arme und nimmt uns mit seiner Gestik mit in das kleine Zimmer, in dem vor vier Monaten William Jr. geboren wurde.

Der Arzt stellt fest, dass das Kind gut genährt ist. Einzig saure Säfte soll er jetzt erst mal nicht bekommen. William erzählt mir, dass er an guten Tagen 30.000 Pesos macht, knapp 10 Euro. Davon zahlt er 6.000 für die tägliche Zimmermiete. An schlechten macht er nur 10.000 und am Sonntag bekommt er die Tagesmiete gepumpt, so dass er am Montag gleich für zwei Tage zahlen muss. Oder er zahlt am Samstag vor, wenn es ein guter Tag war. Sein Hauptproblem sind aber die Windeln für seinen Sohn. Die reißen schon ein Loch in die Kasse. Die Sozialarbeiterin notiert seine Daten und klärt ihn auf, dass er Anrecht auf eine kleine finanzielle Hilfe vom Staat hat und sicherlich die Windeln davon bezahlen könne.

Die Arbeit der „Patrulla“ besteht gerade darin, eine Übersicht zu schaffen, wo sich Indigentes aufhalten, welche medizinische Hilfe sie brauchen, wie alt sie sind, woher sie kommen, ob sie Familie haben, wovon sie leben und vieles mehr. Anhand dieser Informationen stellt die Stadverwaltung Programme auf und die Mittel frei, um diesen Menschen zu helfen. Über diese Hilfen zu informieren ist auch eine wichtige Aufgabe der „Patrulla“. Viele Menschen wissen nicht, dass Hilfen für sie bereit stehen.

Neben Unkenntnis über die Hilfen ist Misstrauen gegenüber den Behörden ein weiterer wichtiger Grund, weshalb die Menschen nicht zu den Einrichtungen gehen. Gerade allein erziehende Mütter befürchten, dass ihnen die Kinder weg genommen werden. So überrascht es uns nicht, dass einige der angesprochenen Frauen an dem Abend nicht zum Bus der „Patrulla“ kamen, um sich den Becher Kakao und die Brötchen abzuholen. Unter denen, die mit ihren Kindern kamen, waren sicher mehrere, die uns gegenüber falsche Angaben machten.

Wir besuchten noch drei weitere Brennpunkte an diesem Abend, u.a. auch den Platz hinter dem Stadion. Anders als in Galerias sind die Straßen hier dunkel und schmutzig. Unter zusammengerollten Teppichen vermuteten wir schlafende Menschen, erhielten aber auf unsere Rufe keine Antwort. Es kamen einige der Menschen, die auf kleinen, rollenden Karren ihren Hausstand mitführten. Alles was sie besaßen war auf diesen Karren, die daher auch von grimmig bellenden Hunden bewacht wurden. Uns war anfangs Bange zumute. Wir lernten aber schnell, dass auch diese Menschen sehr herzlich sind. Einer wollte uns von seinen Läusen erzählen, da er sonst nichts zu zählen hatte. Im Spanischen ist dies ein Wortwitz, da das Wort für zählen (contar) und erzählen (contar) gleich ist. Leonardo erzählte uns auch, dass er Epileptiker sei und von der Stadt Medikamente erhalte. Aber die Polizei auf der Suche nach Drogen, würde ihm oftmals die Pillen abnehmen und zertreten. Seine Papiere, die seine Krankheit ärztlich bescheinigen und den Besitz von Medikamenten rechtfertigen, seien vor einigen Wochen mit seinem rollenden Hausstand verbrannt worden. Auch die Polizei! Aufmerksam registrierte die Sozialarbeiterin alles und wies Leonardo an, sich in den nächsten Tagen bei der Sozial-Einrichtung in der Nähe des Stadions zu melden, um sich ein neues Attest zu holen. Der mitfahrende Arzt gab ihm noch ein Schreiben mit.

Die Solidarität in dieser Gruppe beeindruckte uns alle. Sie riefen schnell noch schlafende Menschen zusammen oder nahmen ihnen Kakao und Brötchen mit.

Am Ende unseres Einsatzes war mir bewußt, dass nicht alle, die auf der Straße Müll sammeln, obdachlos sind. Vielleicht ist „indigente“ das treffendere Wort. Ich weiß nun auch, dass viele Vorurteile meinerseits an diesem Abend über den Haufen geworfen wurden. Eigentlich wollten wir ihnen helfen, aber durch ihre herzliche und offene Art haben eher diese Menschen uns geholfen, mit der Wahrheit ihrer Schicksale umzugehen. Wir können ihnen viel materielle Hilfe geben, aber das Beste was wir ihnen geben können, ist unser Verständnis und Interesse, den Abbau unserer Vorurteile. Dann werden Polizisten ihnen auch nicht mehr ihre Behausungen verbrennen.

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