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Brasilien: „All you can eat“ mit Gierbremse

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Am Wochenende war ich mit meiner Frau schön essen, im Rodízio. Frei übersetzt bedeutet es „reihum“, weil die zahlreichen Ober mit dem Essen die Runde machen. „All you can eat“ würden Nicht-Brasilianer wohl dazu sagen. Diesmal gab’s Sushi, so viel wir essen konnten und alles „feito na hora“ (=“frisch gemacht“)!

Ist ja alles nichts besonderes, denkt ihr? Aber nein! Es gibt klare Regeln, an denen der Eingeweihte sofort Ausländer von Einheimischen unterscheiden kann. Denn Rodizio-Essen will gelernt sein!

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Zunächst einmal die Grundbegriffe: Wer nach Brasilien reist muss wissen, dass hier jede nur erdenkliche kulinarische Tradition entweder „rodiziert“ oder „kiloisiert“ wird.

Neben Fleisch und japanischen Köstlichkeiten gibt es Pizza, Nudeln, Koreanisches, Thailändisches und Chinesisches, Französisches, deutsches Eisbein mit Sauerkraut und Palmherzen (?), schweizer Käsefondue (!), ja in Großstädten sogar Vegetarisches und manchmal typisch brasilianisches Botequim-(Kneipen-)essen: Niere, Leber, Pansen, fritierter Maniok, „Verstecktes“ (escondidinho*) und abgestürzte Kuh (vaca atolada**). Aussuchen kann man sich für alle Geschmacksrichtungen je nach Restaurant ob die Essensberge vom Ober am Tisch oder von einem selbst an der Präzisionswaage vorbeigetragen werden sollen.

Jetzt aber zur geheimen Wissenschaft des Rodizio- und Kiloessens:

1) Rodizio: Jeder Brasilianer weiß, dass er trotz knurrenden Magens die ersten Runden durchgehen lassen muss, ohne sich den Teller vollladen zu lassen. Denn in den ersten 15 Minuten wird ein gewiefter Rodizio-Ober einem nur billige „Magenfüller“ am Tisch vorbeitragen. Erst dann kommen die wirklich guten Stücke. Spätestens allerdings, wenn die eiligen Ober den eigenen Tisch unauffällig „vergessen“ und nur der Chefkellner persönlich vorbeischaut und übertrieben zuvorkommend fragt: „Haben Sie denn noch Lust auf etwas ganz Bestimmtes?“, weiß der Rodizio-Profi, dass er jetzt jenseits der Mischkalkulation liegt und dabei ist, das Geschäftsmodell auf die Verlustseite zu treiben. Dann ist es Zeit Schluss zu machen, wenn man noch öfter wiederkommen will. Denn ein guter Rodizio-Ober hat ein Elefantengedächtnis und wird den allzu Gierigen beim nächsten Mal 30 Minuten lang Magenfüller an den Tisch bringen.

2) Kilo: Jedes Kind hier weiß noch vor Einschulung das Gewicht-/Genussverhältnis eines Kilo-Angebots perfekt einzuschätzen. Ich sehe das daran, dass ich immer der Einzige weit und breit bin, der Mayonnaise-Nudelsalat, Rote Beete und gekochte Kartoffeln zur Waage trägt. Vielleicht würde eine größere Anzahl Kilo-Restaurants in Deutschland spielend das ökonomisches Grundverständnis unserer Pisa-Nachzögler aufpolieren. Ich werde wohl noch ein Weilchen brauchen, dies nachzuholen, denn was Hänschen nicht lernt…

Ok, jeder der schon mal in Brasilien war, kennt das alles wahrscheinlich. Was ich selbst dieses Wochenende aber zum ersten Mal gesehen habe, war die eingebaute „Gierbremse“ in unserem Sushi-Rodizio. Wer große Augen und einen kleinen Bauch hat, musste diesmal schmerzhaft draufzahlen…

Die Regel war: Sushi-Flatrate soviel in den Magen reingeht. Wenn aber auch nur ein Sushi auf dem Teller liegenblieb, musste es nachträglich extra bezahlt werden: Umgerechnet 50 Eurocent pro Stück. (Das ist viel für Brasilien!) Dafür gab es auf der Rodizio-Karte, die am Eingang verteilt wurde, eine extra „Rücklauf-Liste“. Wie das ausführliche Kleingedruckte auf der Karte verriet, war es dabei völlig unerheblich, ob die Rest-Sushis nach dem Schmaus unversehrt auf dem Teller liegen blieben oder der Feinschmecker unter den Gierhälsen den Fisch vom Sushi runterschnabuliert hatte und nur der Reis abgeräumt werden musste. Ob wohl ein „all-inclusive“ Rechtsanwalt engagiert wurde, um diese Speisekarte zu formulieren? 😉

Natürlich musste ich unwillkürlich verstohlene Blicke unter den Tischen entlangwandern lassen, ob da nicht Sushis zuhauf unter der Platte klebten. Und auf der Toilette konnte ich mir den Blick in den Spülkasten und die Papiertonne nicht verkneifen. Aber es war alles sauber.

Ich muss sagen: Respekt! Diese Regel fand ich wirklich mal eine Innovation. Denn es hat mich schon immer geärgert, dass ein guter Teil der Mittel- und Oberschicht Brasiliens es als Ausdruck ihres Selbstbewusstseins ansieht, einen möglichst großen Haufen Essens zurückgehen zu lassen. Schließlich hat man’s ja auch bezahlt. Und das in einem Land, das Unterernährung in vielen Bevölkerungsteilen noch lange nicht überwunden hat.

Fußnoten:
*escondidinho: Das sonnengetrocknete Fleisch ist unter einer Schicht von Yams-Brei versteckt.
**abgestürzte Kuh: eine große Tasse mit Suppe. Auf dem Boden der Tasse harrt das untergegangene Rindvieh aus.

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