Südamerika Reisen mit viventura
030 6167558-0

wochentags 9-22 Uhr
Sprechen Sie mit einem Spezialisten

Ein Tag als Straßenverkäufer in Bogota

0 Flares 0 Flares ×

„Mani, Mani“ – rufe ich zunächst noch schüchtern, während ich an einer Ampelkreuzung zwischen den Autos umher laufe. Die Motorräder verunsichern mich und ich hüpfe so manches Mal ängstlich zur Seite. Ich stemme eine schwere Eisenstange auf halber Körperhöhe in die Luft. An ihr befestigt sind kleine Päckchen mit Erdnüssen und Studentenfutter – das Mani.

Jeder der schon einmal in Südamerika war kennt sie, die fliegenden Händler. In jeder U-Bahn, jedem Omnibus und an jeder Ampelkreuzung bieten „vendedores ambulantes“ wie fleißige Wiesel ihre Waren an. Wie oft bin ich schon gedankenlos an ihnen vorbeigegangen – ich in meiner Welt, sie in ihrer. Fremd waren mir ihre Schicksale und ihr Leben. Das soll sich ändern. Ich will es selbst ausprobieren, vielleicht kann ich so wenigstens ein kleines Zipfelchen dessen zu fassen bekommen, was ihr Alltag ist, für mich einen Tag, für sie Jahr um Jahr.

Hier geht’s weiter:

Leonardo ist 55 Jahre alt und verkauft seit sechs Jahren an der 134. Straße Knabbereien und Schnürsenkel. Er führt mich in die Geheimnisse des Straßenverkaufs ein: „Die Stange immer mit dem rechten Arm halten, in der Mitte der beiden Autoreihen laufen und immer Richtung Beifahrer schauen.“ Besonders wichtig: „Nie vergessen ‚Mani, Mani‘ zu rufen, denn nur so bekommen wir Verkäufer Aufmerksamkeit.“

Früher lebte Leonardo auf dem Land – im „departamento“ (Verwaltungsdistrikt) Antioquia – und bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Mutter Felder. Als diese jedoch von Guerilleros erschossen wurde, floh Leonardo in die Großstadt.

Leonardo ist kein Einzelfall. In Kolumbien sind viele der „vendedores ambulantes“ Vertriebene, geflohen vor der Guerilla oder der Drogenmafia, Menschen ohne Ausbildung oder allein erziehende Frauen, die, während Ihre Kinder in der Schule sind, Haushaltsartikel verkaufen.

Aber was macht jemand, wie Leonardo mit seinem Wissen über Ackerbau in einer 8-Millionen-Metropole? „Als erstes habe ich Autos gewaschen“, erzählt mir Leornado. So fing er an, als er vor 13 Jahren nach Bogotá kam. Von diesem guten Geschäft musste er leider nach einigen Jahren umsatteln, da die Polizei die Autowäscher von den Straßen vertrieb. Hier an der 134. Straße wurde er mit seinen Schnürsenkeln und Mani aufgenommen, da noch kein anderer „vendedor“ diese Verkaufsartikel anbot – so funktioniert die Aufnahme in einer Straße.

In Kolumbien gibt es nahezu alles an der Straße zu kaufen: von Süßigkeiten und Knabbereien über Zigaretten, Zeitungen, Staubwedel, Blumen, DVDs, Autozubehör, Handtücher und eben auch Schnürsenkel.

Natürlich gibt es aus Sicht der Straßenverkäufer große Unterschiede zwischen den Produkten. Das merke ich auch, als ich die schwere Stange mit Schnürsenkeln und Studentenfutter gegen „mariposas“ (kleine Schmetterlinge aus Metall) eintausche, die der 22-jährige Omar verkauft. Omar hat 9 Geschwister und 2 Kinder aber weder Ausbildung noch Studium. Er verkauft Saisonartikel an derselben Kreuzung wie Leonardo, ebenfalls seit 6 Jahren. Sein aktuelles Produkt, die „mariposas“, kauft er für 4000 Pesos das Stück ein. Das ist viel Geld für einen Straßenverkäufer. Als Relation dazu: In Bogota gibt es ein üppiges Mittagessen ab 3500 Pesos.

Omar erklärt mir: „Mariposas funktionieren ganz anders als Mani. Du musst an den Autos stehen bleiben und in die Fenster schauen. Gehst Du nur an ihnen vorbei, verkaufst Du nichts.“ Aber auch mit freundlichen Blicken in die Autos und der Bitte um Unterstützung, ist es ein schweres Geschäft. An den meisten Tagen verkauft Omar nur einen einzigen Schmetterling – mit einem Gewinn von 1000 bis 2000 Pesos. Heute verkauft er nichts.

Bei jeder Ampelphase fangen wir vorne an der Ampel an und laufen bis zum Ende der Autoschlange – wieder nichts verkauft. Eine Frau im Bus lächelt mich freundlich an und fragt nach dem Preis der Schmetterlinge. Ich setzte hoch an mit 8000 Pesos – sie ist sehr interessiert und fast hätte ich es geschafft – da fährt der Bus weiter. Dennoch berichte ich Omar und Leonardo stolz, dass ich fast einen Schmetterling verkauft hätte. „Fast ist gar nichts wert!“, holt Leonardo mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Omar kennt die Ampelphasen wie seine Westentasche. Obwohl wir mit dem Rücken zur Ampel laufen und die Autos immer noch still stehen, sagt er plötzlich: „So, jetzt gehen wir auf die Seite, es ist grün!“ Ich drehe mich um und tatsächlich, die Ampel springt gerade um. Ein Zufall? Nein, bei jeder Ampelphase wiederholt sich dieses Szenario. Ich bin beeindruckt.

Frustriert und erfolglos gebe ich das Geschäft mit den hübschen Metalltierchen schon nach einer Stunde auf und versuche es wieder mit „Mani“. Beim Studentenfutter bin ich erfolgreicher als mit den Schmetterlingen: Ich verkaufe 3 Päckchen Erdnüsse a 1000 Pesos – meist an Taxifahrer – Stammkunden von Leonardo. Meine Arme merke ich schon nach kurzer Zeit. Aber viel mehr als die Muskeln schmerzen die Reaktionen vieler Menschen. Manche Autofahrer reagieren überhaupt nicht, sehen durch mich hindurch als existierte ich gar nicht, manche schauen einfach weg, andere schütteln mit dem Kopf und wieder andere schauen grimmig.

„Die Reichen mögen uns nicht“, erzählt Leonardo: „Manche Anwohner rufen die Polizei, weil sie sich durch die Verkäufer gestört fühlen oder Angst vor uns haben.“ Dann werden Leonardos Waren konfisziert und er ist gezwungen, neue Artikel zu kaufen. Dafür gibt es einen Kreditmann, den alle sehr mögen. Er vergibt Geld gegen 10% Zinsen, die „Tröpfchen für Tröpfchen“ zurückgezahlt werden können. Leonardo hat bisher 2 Mio. Pesos Schulden bei ihm, aber stolz bezahlt er heute 20.000 Pesos zurück.

Auch der Staat ist den Straßenverkäufern nicht wohlgesonnen obwohl sie ihm doch eigentlich zu Gute kommen. So werden die „vendedores ambulantes“ in der offiziellen Statistik beispielsweise nicht als arbeitslos geführt. Die Statistiken sind dementsprechend gut. Das Gesundheitssystem belasten sie finanziell kaum. Leonardo erzählt mir, dass er über die staatliche Krankenversicherung „sisben“ versichert ist. Er nimmt diese jedoch nicht in Anspruch, da er jedes Mal, wenn er zum Arzt möchte oder behandelt werden muss, einen Haufen Formulare ausfüllen soll. Jedes Formular kostet 1000 Pesos. „Da kann ich den Arztbesuch gleich selber zahlen.“ Leonardo wurde an der Luftröhre von einem Schuss verletzt. Seitdem wurde er mehrfach operiert – auf Rechnung eines befreundeten Arztes.

Am Ende des Tages bin ich müde und sehr nachdenklich. Meine Stimme ist heiser und meine Arme schmerzen. Leonardo, Omar und die anderen Verkäufer der 134. Straße haben mich sehr beeindruckt. Sie sind wie eine kleine Familie: kennen ihre Geschichten untereinander, vertrauen und helfen sich gegenseitig. Sie tragen eine schwere Last mit sich – nicht nur die ihrer Produkte. Trotzdem sind sie fröhlich und freuen sich über meinen Besuch und mein Interesse an ihren Geschichten, obwohl ich doch nach einem Tag schon wieder in meine gemütliche eigene Welt zurück kann. Leonardo lädt mich zum Abschied zu einer Cola und einem Stück Kuchen ein, den wir zusammen auf dem Grünstreifen zwischen den Straßen „verschlingen“. 🙂

Share Button

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare

Der Autor:

Viventura Reisen

viventura
viventura ist dein Spezialist für Rundreisen in Südamerika und bietet innovative Abenteuerreisen zu einem top Preis-Leistungs-Verhältnis. Dank einem Direktvertrieb und den exklusiven Büros vor ... weiterlesen

Folgen Sie uns!

Suche

Unsere bestbewertete Reise:

Kolumbien 2016

Tweets von @viventura_de

viExplorer

Kolumbien 2017

21 Tage, inkl. Flüge
Top-Highlights Kolumbiens
  • Cartagena: Koloniales Schmuckstück
  • Kaffeepflücken in der Kaffeezone
  • Popayan, Tatacoa Wüste & San Agustin
  • Traumstrände im Tayrona Nationalpark

ab 3099 EUR