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Ecuador: Tigua – die Geburt einer indigenen Kunst

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Als ich vor zwei Monaten hier in Ecuador angekommen bin, ist mir auf verschiedenen Märkten eine Ware besonders aufgefallen: farbenfrohe Malereien, die Motive aus dem täglichen Leben der Menschen in den Anden darstellen. Bei einem Ausflug in die Berge höre ich, dass die Idee dieser Malereien durch einen Touristen angeregt wurde, der die Bilder auf Trommeln und anderen Instrumenten entdeckte. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ja bekanntlich einen Tropensturm auslösen, aber eine Begegnung zwischen einem Touristen und einem Musikanten eine ganze südamerikanische Kunstrichtung?

Der Maler Julio Toaquiza wurde in Tigua geboren. Das Dorf liegt 120 km südlich von Quito auf dem Páramo, dem ecuadorianischen Hochland. Im Alter von sieben Jahren begann Julio verschiedene Instrumente zu erlernen, darunter die Tambor-Trommel. So wie alle Tambor-Spieler in Tigua bemalte auch Julio seine Trommeln mit Szenen aus dem Leben und der Landschaft des Páramo. Im Jahr 1971 besuchte ein Tourist Julios Dorf und bewunderte die Malereien auf seinen Trommeln. Er wollte sich gerne solch eine Darstellung mitnehmen und fragte Julio, ob er ihm nicht eine Landschaft auf Leinwand oder Holz malen könne. Julio gefiel die Idee und er begann regelmäßig kleine Bilder für Touristen zu malen, die sein Dorf besuchten. Eine neue Kunstrichtung war geboren: die Tigua-Malerei, benannt nach Julios Dorf.

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Als ich zum ersten Mal im Park El Ejido in Quito’s Innenstadt den Kunsthandwerksmarkt besuche, kenne ich diese Geschichte noch nicht. Aber ich bestaune die farbenfrohen Malereien, die überall zwischen Ständen mit schlappohrigen Wollmützen, Silberschmuck und kleinen bauchigen Gitarren und Panflöten angeboten werden: handliche Holzrahmen, auf denen sich in Acryl und Öl Andenpanoramen entfalten. Kulturlandschaften vor einem schneebedeckten Vulkan, ein Lama, ein Condor und Menschen in Trachten sind auf jedem der Bilder zu sehen. Trotz der großen Auswahl kann ich kein Bild entdecken, das von einem anderen abkopiert scheint, alle sind Unikate!

Die Bilder auf dem Markt haben ihren ganz eigenen Stil, eine Art indigener „Naiver Malerei“ der Anden. Betont einfache und unbekümmerte Darstellungen teils alltäglicher, teils sehr phantasievoller Motive.

Die Bilder haben mein Interesse geweckt und ich mache mich kurzentschlossen auf die Suche nach den Künstlern. In Quito gibt es eine Markthalle nur für Kunsthandwerk, wo ich die Gänge nach weiteren Malereien durchforste. Ich unterhalte mich mit den Verkäufern und frage sie nach den Urhebern dieser schönen Bilder. Aber ich werde enttäuscht. Die Händler kennen die Künstler selbst nicht. Fast schon will ich aufgeben, als ich an einem letzten, etwas versteckten Stand eine Frau sehe, die einen für die Andenregion typischen Hut sehe, an dem eine Pfauenfeder steckt. Sie sitzt in einem Winkel und spielt mit ihrer kleinen Tochter. Ich denke mir, wenn diese Frau vom Hochland kommt, müsste sie sich ja eigentlich mit den Bildern auskennen, da diese doch ganz offensichtlich ebenfalls dort herkommen.

Als ich sie nach den Künstlern frage, kommt aus einer Nische hinter ihr Gustavo Toaquiza hervor. Es stellt sich heraus, dass Gustavo einer der Söhne Julios, dem Erfinder der Tigua-Malerei ist. Was für ein Glück, dass ich gerade ihm über den Weg laufe! Gustavo ist ein schüchtern wirkender Mann um die 35. Er nimmt sich Zeit für mich und erzählt mir von seinem Vater und der spannenden Entstehungsgeschichte des Kunsthandwerks von Tigua.

Natürlich blieb der Erfolg von Gustavos Vater nicht lange geheim. Nachbarn fingen an, ebenfalls Trommel-Bilder für Touristen auf Leinwand und Holz zu malen, um ihr ansonsten kärgliches Einkommen aufzubessern. Meist sind die Künstler Autodidakten, die ihre Wünsche, Träume und Wahrnehmungen darstellen. Die Tigua-Malerei zog rasch immer weitere Kreise. Heute leben in der Region um Tigua nach Gustavos Schätzung über fünfhundert Kunsthandwerker, die Bilder für den Verkauf an Touristen herstellen. So hat sich aus der historischen Begegnung von Julio und dem Touristen nicht nur eine Einkommensquelle, sondern ein wichtiger Zweig des heutigen ecuadorianischen Kunsthandwerks entwickelt!

Auf dem Markt, so erzählt Gustavo mir, verkauft seine Frau die Bilder verschiedener Kunsthandwerker. Julio Toaquiza brachte allen seinen Söhnen das Malen bei. Im Unterschied zu vielen anderen Kunsthandwerkern steht für Gustavo und seine Brüder der Kommerz jedoch an zweiter Stelle. Sie verstehen sich vor allem als Künstler, verfolgen ihren ganz eigenen Stil und haben bereits mehrere Kunstpreise gewonnen.

Einen Tag nachdem wir uns auf dem Markt kennengelernt haben, lädt Gustavo mich in die Privataustellung seiner Bilder in der Fundacion Pachamama, einer Organisation zum Schutz indigener Gruppen Amazoniens ein.

Die Bilder, die ich dort sehe, beeindrucken mich sehr. Gustavo stellt nicht nur Szenen des täglichen Lebens dar, sondern thematisiert gesellschaftliche und politische Probleme des Landes. Er reist in verschiedene Regionen Ecuadors, um für seine Bilder zu recherchieren. Sein letztes Bild, das er mir erlaubt zu fotografieren, stellt beispielsweise den Eingriff der ölfördernden Industrie in das Leben und Ökosystem Amazoniens dar. Ein anderes, für Gustavo wichtiges Motiv ist die Selbstbestimmung indigener Ethnien des Landes. Der Unterschied zu den einfachen Bildern vom Kunsthandwerk-Markt ist unübersehbar!

Gustavo sieht seine Kunst als Möglichkeit, politische und soziale Themen einem breiten Publikum zu vermitteln. Die Maler von Tigua sind zwar noch relativ unbekannt, aber sie gewinnen regelmäßig Preise und konnten sogar schon im Ausland ausstellen. Im Gespräch mit einem ecuadorianischen Kunststudenten erfahre ich jedoch, dass die Tigua-Kunst an ecuadorianischen Kunsthochschulen leider noch nicht vermittelt wird. Ich bin sicher, dass sich das bald ändern wird.

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