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Venezuela: Gesundheit vom Staat

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Ich fahre zusammen mit Maria in einem Toyotajeep einen steilen Berg des Armenviertels Antímano hoch. Unser Ziel ist das „Consultorio Popular“ – die Volkspraxis von Santa Ana de Antímano. Antímano liegt im Westen der Stadt Caracas, wo sich ein grosser Teil der Armenviertel konzentriert. Maria ist dort Koordinatorin des sogenannten Gesundheitskomitees.

„Consultorio Popular“ und Gesundheitskomitees gehören zum Sozialprogramm „Barrio Adentro“, frei übersetzt: „Rein in die Armenviertel“. Die Regierung Chavez hatte das Programm 2003 ins Leben gerufen, um die soziale Infrastruktur der Armenviertel zu verbessern. Was es damit tatsächlich auf sich hat, will ich heute herausfinden.

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Hier in Antímano gibt es kaum Platz zwischen den Häusern und Bretterbuden. Dort wo ein bisschen Raum ist, spielen einige Kinder Baseball mit einem Ball aus zusammengeklebtem Zeitungspapier, andere lassen Drachen steigen.

Ich beobachte ein paar junge Männer, die einfach so herumhängen, mit einem Polarbier in der Hand. Einige basteln an Autos herum, andere diskutieren lautstark über Tagespolitik und Probleme der Gemeinde. Irgendwer hat die Musik seines Autoradios betäubend laut gestellt. Das scheint hier niemanden zu stören.

Nach der nächsten Kurve taucht vor uns ein sechseckiges, zweistöckiges Backsteingebäude auf. Das ist das „Consultorio Popular“, in der das Gesundheitskomitee von Maria arbeitet. Im unteren Stock sind die Praxisräume und das Wartezimmer und im oberen Stock wohnen die Ärzte zusammen in einem einzigen Zimmer.

Das Praxisgebäude ist umzäunt, aber Tor und Tür stehen offen. Es ist Sprechstundenzeit. Der Andrang ist groß. Einige Mütter mit ihren Kindern müssen draußen Schlange stehen und warten, bis sie an der Reihe sind.

Maria erklärt mir, dass die „Consultorios Populares“ die unterste Stufe des neuen staatlichen Gesundheitssystems bilden. Die zweite Stufe sind die Diagnosezentren („Centros Diagnósticos“) und die dritte besteht aus den Volkskliniken („Clínicas Populares“).

Gerade in der Gesundheitspolitik scheint sich der Populist Chavez an den Ideen seines großen Vorbilds Fidel Castro zu orientieren. Das staatlich finanzierte Gesundheitssystem Cubas galt lange Zeit als sehr fortschrittlich.

So verwundert es auch kaum, dass speziell in den „Consultorios Populares“ landesweit ca. 14.000 kubanische Ärzte arbeiten. Es gibt derzeit zu wenig venezolanische Allgemeinärzte, die in Armenvierteln arbeiten wollen. Kuba erhält als Ausgleich für die gesundheitspolitische Entwicklungshilfe venezolanisches Erdöl des Staatsunternehmens PDVSA.

Die Ärzte einer Volkspraxis kümmern sich um je 250 Familien. Sie müssen deren sozioökonomische Daten und Krankheitsgeschichten aufnehmen und regelmäßig Hausbesuche machen.

In jedem „Consultorio Popular“ arbeiten normalerweise ein Allgemeinmediziner und ein Zahnarzt, eine Krankenschwester und eine Arzthelferin. Letztere kommt aus dem ehrenamtlich besetzten Gesundheitskomitee. An den Komitees beteiligen sich fast immer nur Frauen. Auch in Santa Ana de Antímano ist das der Fall. Sieben Freiwillige wurden in einer öffentlichen Versammlung in das Kommitee gewählt.

Ich frage Maria, was die Aufgaben des Gesundheitskomitees sind. Sie erzählt: „Wir helfen den Ärzten in der Praxis beim Wiegen, Blutabnehmen, Blutdruckmessen, Spritzen etc. Wir besorgen die Medizin, die die Patienten kostenlos erhalten und reinigen täglich die Praxis. Wir unterstützen die Ärzte bei Informationsveranstaltungen. Da die Kriminalität in unserem Viertel in letzter Zeit angestiegen ist, müssen wir die Ärzte auch vorsichtshalber begleiten, wenn sie abends oder nachts einen Notfall haben.“

Maria gibt mir etwas verschämt zu verstehen, dass sie für diese Aufgaben eigentlich keine Ausbildung habe, aber dass sie den Moment kaum abwarten kann, bis sie sich in einen der Weiterbildungskurse als Krankenhelferin einschreiben kann.

Ich gehe auf die Menschenschlange zu, die sich vor dem „Consultorio Popular“ gebildet hat. Die Sonne strahlt heiß vom tiefblauen Himmel. Es gibt vor dem Praxisgebäude weder einen Sonnenschutz noch Wartebänke. Die Sitzbänke drinnen im Wartezimmer sind mittlerweile alle besetzt.

Ich möchte wissen, was die Menschen im Viertel von den „Consultorios Populares“ halten und frage eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm. „Stellen Sie sich vor“, antwortet sie: „Ist früher einer von uns plötzlich krank geworden oder verunglückt, mussten wir in ein Krankenhaus im Zentrum! Von hier oben vom Berg zuerst runter und dann durch die Stadt in das nächstgelegene öffentliche Krankenhaus – das ist eine halbe Weltreise. Außerdem werden wir oft abgewimmelt im Krankenhaus, egal, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht. Das ist jetzt etwas besser. Mein Bruder hatte einen Angina Pectoris Anfall. Wir haben ihn hier zu den kubanischen Ärzten gebracht. Dort ist er notbehandelt worden. Danach haben sie ihn an eine Volksklinik überwiesen. Es geht ihm gut. Nun ist er in ständiger Behandlung. Wir Frauen gehen jetzt auch mehr zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung. Und wenn unsere Kinder Fieber oder Durchfall haben, müssen wir nicht erst Stunden mit ihnen durch die Gegend fahren. Ausserdem sind die Ärzte hier im Consultorio sehr nett und fertigen uns nicht einfach ab wie viele venezolanische Ärzte. Und die Medizin ist umsonst.“

Aber die Consultorios haben auch noch einen ganz anderen positiven Effekt. Denn es sind hauptsächlich Frauen, die sich in den Basisorganisationen der Regierung engagieren. Ihre Rolle im Viertel wird dadurch deutlich aufgewertet. Maria beschreibt mir, wie wichtig für sie persönlich ihre Teilnahme an der freiwilligen Gemeinschaftsarbeit ist: „Mir gefällt die Gemeindearbeit. Ich lerne dadurch viele Menschen meiner direkten Umgebung kennen. Vorher habe ich sie nie richtig wahrgenommen. Die Zusammenarbeit mit ihnen macht mir Spass. Ich fühle mich nützlich und das macht mich stolz.“

Diesen Stolz teilen die Ehemänner oft nicht. Der „machismo“ ist in der der venezolanischen Gesellschaft sehr weit verbreitet. Es sind meist nur Frauen, die sich oft noch neben einem Beruf ehrenamtlich engagieren. Sie sind es, die die Kinder grossziehen und sonstige Familienaufgaben übernehmen.

Maria wird wütend und laut, als sie mir die Reaktion des Ehemannes von Isabel, einer Mitarbeiterin des Gesundheitskomitees, schildert: „Der Mann wollte nicht, dass sie sich engagiert, dass sie freiwillig und unentgeldlich im Komitee arbeitet und hat sie mit den Worten abgefertigt: Du verlierst deine Zeit dabei und Du vernachlässigst mich und deine Kinder.“

Solche Reaktionen sind allgegenwärtig. Das besondere ist, dass Frauen sich immer häufiger trauen, Widerstand zu leisten. Staatsprogramme wie „Barrio Adentro“ bieten die Gelegenheit. Isabel hat die Arbeit im Gesundheitskommitee gegen den Willen ihres Mannes angenommen und ist nicht wie früher zu Hause geblieben. Sie sagt: „Obwohl ich mich zwischenzeitlich sehr belastet fühle – ich bin viel selbstbewusster geworden.“

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