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Venezuela: Guiria – Charme, Geschichte, soziale Spannungen

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Es war reine Neugier, eine kleine Erkundungsreise auf die Halbinsel Paria (im äußersten Osten des Landes gelegen) und insbesondere in das Hafenstädtchen Guiria zu starten. Ich hatte von Freunden schon einiges von Guiria gehört, nämlich dass es dort kulinarische Besonderheiten zu genießen gibt, architektonisch ein ganz eigener kolonialen Stil zu entdecken sei, und dass die karibische Landschaft und ihre Menschen einen ganz besonderen Reiz haben. Auch hatte ich irgendwo gelesen, dass der venezolanische Staat dort für die nächsten Jahre ein Gasprojekt immensen Ausmasses geplant hat.

Guiria wurde 1767 von spanischen Franziskanern gegründet, hat heute ca.36.000 Einwohner und liegt nur wenige Kilometer von Macuro entfernt, dem Ort, an welchem Kolumbus 1498 seinen Fuß auf venezolanischen Boden gesetzt hat.

Nach einer sehr schönen und abwechslungsreichen Autofahrt von der Hauptstadt des Bundesstaates Sucre, Cumaná über den malerischen Karibikort Rio Caribe, mit einem Abstecher an den paradiesartigen Strand von Playa Medina, komme ich endlich in Guiria an. Direkt an der Plaza Bolívar, die gegenüber der Kirche liegt und nur einige Meter vom Hafen entfernt ist, lese ich auf einer halb abgerissenen Hausmauer: Panetteria, Bäcker, Boulangerie, Backery, Panadería. Das ist ja richtig kosmopolitisch, murmele ich voller Erstaunen vor mich hin, und ganz außergewöhnlich für das heutige Venezuela, denn die bolivarianische Revolution wird rein endogen definiert.

Aber die Erklärung dafür lässt nicht lange auf sich warten. Ich fahre um die Plaza herum und parke vor dem Café Bosh, wo ich mich mit der Besitzerin Rosa Bosh treffen soll. Sie ist eine aktive Umweltschützerin der Gegend und eine alteingesessene Bewohnerin Guirias. Von ihr erhoffe ich mir einige Informationen und einen direkten Kontakt zu den Menschen der Stadt.

Und so geht die Geschichte weiter

Café Bosh ist kein Straßencafé im europäischen Sinne. Es ist der kleine Innenhof des Familienbesitzes von Rosa Bosh, einem Haus im Kolonialstil, mitten in Guira gelegen. Ich bewundere prächtige Bäume und Farne, die schon über 100 Jahre alt sein sollen, wie mir Rosa erklärt. Es ist nachmittags und gleich werde ich mit Kaffee und einer merienda pariana beköstigt. Meine Gastgeberin bietet mir paté cocó und paté banam (mit Kokosraspeln bzw. Banane gefüllter, feiner, in Öl gebackener Teig) und esponjosos gateaux (süße Anisbrötchen) an. Ich wundere mich über die Namen und frage, welche Sprache sich dahinter verbirgt.

„Das ist patuá (patois), der Dialekt, der von den englischen und in diesem Fall Sklaven der französischen Antilleninseln Martinique und Guadalupe auf die Halbinsel Paria gebracht wurde“, erklärt mir meine Gesprächspartnerin. „Einige alteingesessene Guireños beherrschen das patuá noch heute, und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, zur Erhaltung derselben beizutragen, indem ich junge interessierte Leute darin unterrichte. Es liegt mir viel daran, kulturelle Bräuche wie Sprache, Musik, kulinarische Genüsse, Architektur aus unserer Geschichte lebendig zu erhalten. Deshalb habe ich zusammen mit anderen die Sociedad de Conservación de Guiria gegründet“.

Durch meine Begleiterin erfahre ich noch einiges mehr über die Kolonialzeit und deren Überreste: Auf der Halbinsel Paria wurden zunächst Baumwolle und Rohrzucker angepflanzt. Hierfür wurden Sklaven von den Antilleninseln geholt (eben die, die das patuá mitgebracht haben). Nachdem die Baumwollproduktion in den USA zurückging, fand die Kakaoproduktion (Mitte 19. Jh) Aufschwung in Paria. Heute noch ist der Kakao aus dieser Gegend sehr bekannt wegen seiner Köstlichkeit und seiner hohen Qualität. Das ist der Grund für seinen Export bis nach Europa.

Ab Mitte des 19. Jh hat sich hier in Guiria auch ein indischer Einfluss geltend gemacht. Inder waren billige Arbeitskräfte auf den Kakaoplantagen. Die Inder (culíes) wurden von den Plantagenbesitzern unter Vertrag genommen und diese gaben ihnen auch ein Stück Land, um es einige Jahre lang zu bearbeiten. Dort pflanzten die Inder Kokospflanzen an. Noch heute sind Kokospflanzungen weit verbreitet auf der Halbinsel. Aber auch der unumgängliche Gebrauch von Curry in der Küche von Guiria ist auf diesen indischen Einfluss zurückzuführen wie in dem typischen Gericht mit dem Namen tarkari de chivo oder de pato. In dem Gericht Mucurú en coco wird neben Curry auch Kokos verwendet.

Rosa Bosh hat mit Frauenkooperativen aus Guiria ein Rezeptbuch dieser sehr eigenen köstlichen Gerichte zusammengestellt. Rosa ist unermüdlich. Sie ist über 70 Jahre alt, fährt täglich mit dem Fahrrad zur Aldea Universitaria, wo sie auch Englischunterricht gibt und eine Radiosendung über Umweltprobleme der Region leitet.

Nach unserem Kaffeetrinken lädt Rosa mich zu einem Rundgang durch die Stadt ein. Unser Ausflug beginnt in dem historischen Kern von Guiria, in welchem sich sehr schöne Häuser im Kolonialstil mit typisch karibischem Charakter befinden. Die meisten von ihnen sind allerdings renovierungsbedürftig. Rosa will mit ihrer Umwelt- und Kulturarbeit erreichen, dass diese Häuser unter Denkmalschutz gestellt werden. „Es ist schrecklich sich vorzustellen, dass die staatliche Erdölgesellschaft (PDVSA-Petroleos de Venezuela) im Rahmen ihres riesengroßen Gasprojekts mit einem urbanen Modernisierungsplan in Guiria auftaucht, der nicht Sanierung, sondern Abriss der Häuser vorsieht“.

Wir laufen durch die breiten Straßen des historischen Teils in Richtung Hafen und kommen an einer der zwei einzigen Ampeln des Städtchens vorbei. Sie sind von dem derzeitigen Bürgermeister als Wahrzeichen des urbanen Fortschritts und der Zivilisation errichtet worden. Auf einem Hinweisschild über einer der Ampeln ist groß zu lesen: Puerto Pesquero Internacional de Guiria. Wir laufen maximal fünf bis zehn Minuten weiter und haben das Hafengebiet erreicht.

Der Hafen besteht praktisch aus zwei Teilen: in einem kleineren Teil ist die Anlagestelle der kleineren Fischer und in dem anderen größeren Teil befinden sich die Anlagestellen der Tankschiffe der nationalen und internationalen Erdölgesellschaften, die in der Gegend tätig sind. In dem Teil des Kleinfischerhafens beobachten wir einen Auflauf von diskutierenden Fischern. „Was ist dort los?“ wende ich mich an Rosa. „Es gibt seit zwei Jahren einen noch ungelösten Konflikt um den Fischereihafen. Dabei kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen und Diskussionen zwischen den verschiedenen Gruppen, der Regierung und der Hafenverwaltung“.

Wir nähern uns langsam der Versammlungsstätte, und ich bitte höflich um Erlaubnis, ein Foto von den versammelten Kleinfischern machen zu dürfen. Es wird mir gestattet, wenn auch erst etwas widerwillig und misstrauisch. Aber meine Begleiterin ist einigen Leuten bekannt und das gibt mir praktisch einen Vertrauensvorschuss. Ich bin ungeduldig und möchte erfahren, was das Problem aus der Sicht der betroffenen Fischer ist. Ein älterer Fischer, der ein Anführer einer der Fischerorganisationen zu sein scheint, wendet sich mir zu: „Seit der Privatisierung des Hafens im Jahr 1997 ist die Infrastruktur des Kleinfischereihafens von Jahr zu Jahr mehr vernachlässigt worden. Das hat dazu geführt, dass wir heute weder Kühlkammern, noch eine planta de hielo, noch ein intaktes Reparatur Dock haben. Die Anlagen wurden Anfang der 70er Jahre gebaut und waren damals eine der modernsten Venezuelas. Heute ist unsere Existenz nicht nur dadurch bedroht, dass wir keine funktionierende Infrastruktur haben, sondern auch durch den rückgängigen Fischbestand“.

Ich frage nach dem geplanten staatlichen Gasprojekt. „Dieses Projekt bringt uns Fischern mehr Schaden als Nutzen, denn die Explosionen, die offshore gemacht werden, werden den Fischbestand auch beeinträchtigen. Bei solchen großen Projekten wird meistens nicht an die arme Bevölkerung gedacht. Und die meisten Familien hier in Guiria hängen in irgendeiner Weise vom Fischsektor ab.“

„Was haben Sie für Vorschläge?“ möchte ich wissen. „Wir Kleinfischer wollen den Hafen selber verwalten. Wir wollen hier ein Projekt der endogenen Entwicklung aufbauen. Die Regierung soll uns dabei helfen und auch das staatliche Erdölunternehmen. Unsere Bräuche und Traditionen sollen erhalten bleiben. Die Fischerei ist unsere Subsistenz und die unserer Familien; wir wollen weiter als Fischer unseren Unterhalt verdienen“.

Aber nicht alle Fischer denken und handeln in diesem Sinne. Das Schmuggelgeschäft mit Drogen und Benzin ist weitaus lukrativer. An diesem Geschäft sind allerdings mehr als nur einige wenige risikobereite Fischer beteiligt. Schließlich waren die Halbinsel Paria und Guiria zusammen mit der gegenüberliegenden Insel Trinidad auch schon während der Kolonialzeit ein aktiver Schmuggelumschlagplatz. Diese „Tradition“ scheint sich auch bis zur Gegenwart erhalten zu haben.

Es ist Spätnachmittag und der sogenannte Internationale Fischhafen von Guiria liegt im Licht der untergehenden Sonne – ein beeindruckendes Bild, das ein Gefühl von karibischer Schönheit gepaart mit einem Hauch von Hoffnungslosigkeit und stehengebliebener Zeit in mir hervorruft.

Beate Jungemann – Venezuela

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