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Der Wandel Venezuelas – Interview mit Hannelore

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Wie beschreibt Hannelore das damalige Venezuela (50er, 60er, 70er und 80er Jahre) in Bezug auf Lebensverhältnisse, Wirtschaft, Politik und Sicherheit?

Venezuela war in den 50ern ein sehr unentwickeltes Land, auch die heutige sieben Millionen-Einwohner Hauptstadt Caracas war eher noch klein und überschaubar. Die venezolanische Infrastruktur hatte noch viele Lücken, Zufahrtsstraßen im Inland gab es nur sehr wenige. Doch im Großen und Ganzen ging es dem Land und seinen Einwohnern relativ gut im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern. In den 50ern geriet das Land unter die Militär-Diktatur von Pérez Jiménez. Trotz der nicht zu entschuldigenden Diktatur schaffte Jiménez viele positive Neuerungen im Land. Der Straßenbau und damit die Infrastruktur entwickelte sich, Petrochímica, Industrie zur Verarbeitung von Öl in Benzin, Kerosin, Diesel, wurde aufgebaut, um neben der reinen Petroleum-Industrie auch andere Einnahmequellen zu sichern. Außerdem wurden ausländische Investoren angelockt, das Verhältnis Gehälter und Lebenshaltungskosten war gesund, es gab keine Inflation und die Lebensverhältnisse schienen gut zu sein. Unter Jiménez wurde auch die größte und wichtigste Universität des Landes, die UCV, ins Leben gerufen, Schulen wurden aufgebaut und das Bildungssystem wurde so von Grund auf verbessert und bekam eine hohe Qualität. Zudem wurden Krankenhäuser und Medizin-Stationen aufgebaut, um die medizinische Grundversorgung zu gewährleisten. Keine Frage, auch damals gab es schon Korruption und das Land war immer noch in der Diktatur gefangen, doch Projekte wurden durch die Jiménez Regierung endlich in die Tat umgesetzt.

Nach dem Sturz von Jiménez 1958 stagnierte diese Entwicklung – doch der Weg von der Diktatur in die Demokratie ebnete sich. Da es vor allem den Einwohnern der großen Städte an nichts mangelte und die Bewohner des Inlandes nicht wirklich von den zuvor verbesserten Lebensverhältnissen profitieren konnten, begann die Landflucht. Viele Menschen zogen in die Stadt, hauptsächlich nach Caracas, wo sich die ersten sogenannten Ranchos, die Armenviertel, bildeten. Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich allmählich, vor allem litten die unteren Schichten darunter. Die Elite der Politiker und Industriellen lebte jedoch im Wohlstand. Unruhen im Land erstickten durch den Aufbau der Schwerindustrie und somit der Sicherstellung von Arbeitsplätzen.

Carlos Andrés Pérez, erstmals Präsident von 1973 bis 1978, verstaatlichte die Öl- und Stahlindustrie. Große Projekte, die er verwirklichen wollte, wie beispielsweise der Landwirtschaft neue Impulse zu geben oder ausländische Investoren durch moderne Bürogebäude ins Land zu locken, veranlasste Pérez dazu, Kredite in Millionenhöhe aufzunehmen. Damit verschuldete er das Land in hohem Maße.

Die Ölkrise Anfang der 80er Jahre stürzte das Land beinahe in den Bankrott. Die Inflationsrate stieg und der Bolivar, die nationale Währung, wurde stark abgewertet. Die Lebenssituation verschlechterte sich dramatisch. 1988 gewann Pérez erneut die Präsidentschaftswahlen. Sein Pläne diesmal: ein Sparprogramm zur Verringerung der Auslandsverschuldung (die er zuvor selbst verursacht hatte). Dies hatte eine Preiserhöhung für Grundnahrungsmittel, Bustarife und Benzinpreise und hohe Arbeitsplatzreduzierungen zur Folge. Vor allem die Menschen in den Ranchos, die unteren Schichten also, waren die Leidtragenden dieser Preiserhöhungen. So gab es 1989 einen Volksaufstand und die Menschen zogen plündernd durch Caracas. Der Aufstand wurde durch Polizei und Militär blutig niedergeschlagen und die neue Armut für die unteren Bevölkerungsschichten entstand.

Wie charakterisiert Hannelore die Chavez Ära?

Vor sieben Jahren wurde Hugo Chavez mit großer Mehrheit zum Präsidenten des Landes gewählt. Sein Motto „Wir machen kurzen Prozess mit korrupten Politikern“ fand bei der verarmten Mehrheit der Bevölkerung Anklang. Die bolivarianische Republik entstand. Die Grundzüge dieser sollten auf einem Sozialsystem beruhen, das dafür Sorge tragen würde, dass jede Person ein eigenes Dach über dem Kopf hat, jedes Kind in die Schule gehen kann und dass jeder das Recht auf eine medizinische Grundversorgung hat. Diese Sozialtheorie ist in seinen Grundlagen moralisch unterstützenswert und auch unabdingbar. Sie entspricht ebenfalls den europäischen Sozialsystemen. Auch in der deutschen Presse wird die Politik Chavez‘ meist positiv dargestellt. Doch sollte man auch einen Blick hinter die Kulissen werfen, denn Praxis und Theorie sind nicht immer das Gleiche. Seit Chavez‘ Amtsantritt haben sich viele Sachen verändert, doch geht es der Bevölkerung seit den vergangenen sieben Jahren besser? Was wurde Grundlegendes geschaffen, aufgebaut und ist in der Gesellschaft erkennbar? Was gibt es außer den kleinen Programmen wie beispielsweise Plan Robinson, der darin besteht, Armen ein bisschen Geld zu geben und zum Beispiel Mercal, durch das es möglich ist, auf Wochenmärkten billiger einzukaufen? Der Staatshaushalt ist gewachsen, Venezuela besitzt heutzutage viel Geld, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die internationalen Preise für das Petroleum gestiegen sind. Und wo fließt das Geld hin, außer in politische Propaganda, die sich, wie es scheint, nicht nur auf das Inland, sondern auch auf das Ausland stützt? Wie viel Geld wird für die Verschenkung von roten T-Shirts und sonstigen Kleinigkeiten an die ärmere Bevölkerung aufgebracht und geht es dabei vielleicht nur um den „Kauf“ von Wählerstimmen? Wieso begleicht Venezuela die Schulden anderer Länder wie Peru, Bolivien und Cuba? Vielleicht um sie in seine eigenen politischen Bahnen zu ziehen? Man könnte sich die Frage stellen, um was geht es der derzeitigen Regierung eigentlich? Ist das Hauptziel die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen in Venezuela selbst oder liegt das Augenmerk vielleicht auf Macht, Kontrolle und Geld?

Zukunft: welche Hoffnungen und Ängste gibt es?

Aufgrund Chavez‘ Orientierung am Kommunismus fürchtet so manch einer, dass es in Venezuela bald kein Privateigentum geben wird und Venezuela kubanische Züge annimmt, die natürlich zum Teil, betrachtet man die Sozialprogramme, nicht nur schlecht sind. Auch wird die Tatsache, dass sich Venezuela immer mehr von Europa und den USA abkapselt kritisch gesehen, denn Venezuela unterhält mehr wirtschaftliche und politische Verbindung zu China, Russland und Cuba beispielsweise. Vor allem die Mittelschicht und Oberschicht hofft auf eine neue Gruppe, die allein vom Wissensstand so qualitativ hoch ausgestattet ist (dank der letzten 40 Jahre Demokratie), um eine gefestigte Opposition zu bilden und um eine andere politische Richtung einzuschlagen.

Zum guten Schluss noch Hannelores Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen Lage in Venezuela:

Ein Sozialprogramm, das nicht nur theoretisch existiert, sondern das auch in die Praxis umsetzbar ist, muss entwickelt werden. Die gesamte Ausgangsbasis für ein zufriedenes Leben in der Gesellschaft muss verfeinert und verfestigt werden mit Bildung, medizinischer Versorgung und einem Rechtswesen, das nicht nur von der Regierung kontrolliert wird. Zudem bedarf es eine Programms zum Bau von Sozialwohnungen, die dann vor allem der unteren Schicht zu günstigen, erschwinglichen Mieten angeboten werden können. Nur so kann man auch die Ausbreitung von weiteren Ranchos, Armenvierteln, verhindern. Die Politik und Wirtschaft sollte sich nicht nur auf das „schwarze Gold“ stützen, sondern sich auf den Aufbau anderer Industrien konzentrieren, die dann feste Arbeitsplätze schaffen.

Fazit
Sie, liebe Südamerika-Freunde, sehen, dass dies ein weit reichendes und nicht unspektakuläres Thema ist. Um es ausdiskutieren zu können, verlangt es an vielen, sehr vielen Hintergrundinformationen, und der Blick muss auf das Land selbst gerichtet werden, sozusagen ein Blick hinter die Kulissen. Ich hoffe, wir konnten Sie anregen, noch mehr über Venezuela und seine Situation zu recherchieren.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich bei Hannelore bedanken, die uns hier ihren Blickwinkel der vorigen und aktuellen Lage Venezuelas schildert.

Anmerkung: Hannelore selbst verzichtete auf ein Foto. Doch es gibt sie tatsächlich!

Iris Wied, Caracas – Venezuela

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