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Straßenkinder in Caracas: Der „Weg nach Hause“ im Boscobús

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Der bewölkte Himmel über Caracas lässt den Parque Los Caobos noch dunkler und ungemütlicher wirken, als er für gewöhnlich sowieso schon ist. Leonardo geht schweigend und mit zügigen Schritten neben mir her und schaut immer wieder um sich. Schließlich entdecken wir eine Gruppe von Kindern, die auf einer freien Fläche zusammen steht und auf irgendetwas in der Mitte auf dem Boden schaut. Wir biegen vom Weg ab, geradewegs auf sie zu. Der Boden ist noch nass und morastig vom letzten Regen.

Beim Näherkommen können wir erkennen, dass einige Kinder auf der feuchten Erde hocken und mit Hilfe der Herumstehenden versuchen, ein riesengroßes Puzzle zusammen zu setzen. Das Bild zeigt schließlich einen lachenden Weihnachtsmann und sein Rentier mit einer roten Schleife um den Hals.

Die Kinder laufen weiter zum nächsten Spiel: Sackhüpfen. Einer der Betreuer bleibt noch einen Moment bei Leonardo und mir stehen und erzählt lachend, mit wie viel Begeisterung die Kinder heute Nachmittag bei der Sache sind. Er arbeitet als „Educador de la Calle“, was übersetzt in etwa „Ausbilder auf der Straße“ heißt. Jeden Tag ist er mit zehn anderen „Educadores“ auf den Straßen von Caracas unterwegs, um mit obdachlosen Kindern Kontakt aufzunehmen und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Sie arbeiten für ein Projekt der Don Bosco-Stiftung mit dem Namen ARIS (Atención y Reinserción Social, was soviel heißt wie „Betreuung und soziale Wiedereingliederung“).

Leonardo ist Chef und Koordinator von ARIS. Die Arbeit mit den Kindern direkt auf der Straße sei unbedingt notwenig, um Vertrauen aufzubauen und die Kinder in ein „normales“ Leben eingliedern zu können, erklärt er mir. „Wenn die Kinder von der Straße in ein Heim kommen und sich plötzlich morgens und abends die Zähne putzen sollen, funktioniert das nicht“, sagt er lächelnd. „Die Kinder kennen auf der Straße keine Regeln. Sie würden sofort die Flucht ergreifen, wenn auf einmal jemand etwas von ihnen verlangt! Hier, an einem Ort, den sie kennen und an dem sie sich sicher fühlen, lernen sie, mit Regeln umzugehen. Und vor allem lernen sie, warum es überhaupt Sinn macht, sich die Zähne zu putzen.“

Die meisten Kinder flüchten wegen familiärer Probleme auf die Straße. Viele von ihnen leiden in ihren Familien unter großer Armut, Gewaltausübung, Vergewaltigungen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Oft gibt es in den Familien auch Infektionskrankheiten; viele Kinder sind mit dem HIV-Virus infiziert. Auf der Straße versuchen sie vor dem Alltag in ihren Familien zu flüchten. Tagsüber arbeiten sie als „Jongleur“ an den großen Ampelkreuzungen in Caracas, verkaufen in der Innenstadt mit einem Bauchladen nutzlosen Kleinkrams oder sie setzen sich an einen der vielbesuchten Plätze und betteln.

Das Projekt ARIS und die Aktion Boscobús stehen unter dem Motto „Camino a Casa“ („Weg nach Hause“). Leonardo und seine Mitarbeiter wollen die Kinder wieder zurück nach Hause führen. Dazu versuchen sie, Kontakt zu den Familien aufzunehmen und bieten ihnen therapeutische Betreuung an, um die Probleme zu lösen. Wenn dieser Versuch scheitert, können die Kinder – vorausgesetzt sie sind bereit dazu – in einem Heim untergebracht werden. Dort haben sie die Möglichkeit einen Beruf zu erlernen. Aus dem „Weg nach Hause“ wird dann der „Weg in die Unabhängigkeit“.

Die Kinder sind mittlerweile mit dem Sackhüpfen fertig und werden von den Betreuern zum nächsten Spiel gelotst. Diesmal gibt es ein Schubkarrenrennen: Die Mannschaften stellen sich in Reihen nebeneinander auf und ein Mannschaftsmitglied hockt sich hin, stützt sich mit den Händen auf der Erde ab und reicht einem anderen Mitglied seiner Mannschaft seine Füße. Und schon geht es los! Um einen Baum, ca. 30 m entfernt und wieder zurück zur Mannschaft. Die Altersunterschiede zwischen den Kindern sind auffällig groß. Das kleinste Kind ist vielleicht vier Jahre alt. Obwohl die Kleinen viel langsamer sind und die „Schubkarren“ spätestens auf halber Strecke zusammenbrechen, gibt es keine Streitereien oder Geläster. Im Gegenteil: Die Großen helfen den Kleinen auf und feuern sie an, damit sie schneller voran kommen.

Nach diesem Spiel gibt es eine Pause und alle Kinder laufen zu einem weißen, riesigen Bus am Rande des Parks: dem Boscobús. Das ist die zentrale Arbeitstätte der elf „Educadores“, einem Psychologen, einem Pädagogen, einer Psychopädagogin, einer Krankenschwester und einem Sozialarbeiter. Im Bus gibt es eine Spielecke mit Fernseher, ein kleines Bad, eine Küche, einen Ruheraum, ein Mini-Büro und einen Erste-Hilfe-Raum.

„Wir benötigen diese Ausstattung, um mobil optimal mit den Kindern arbeiten zu können“, erklärt mir Leonardo. „Sie kommen gerne in den Boscobús und müssen dafür nicht die ihnen vertraute Gegend verlassen. Hier können sie in der Spielecke gemeinsam spielen, während die Psychologin mit Einzelnen Gespräche im Büro führen kann. Im Erste-Hilfe-Bereich betreuen wir eher selten kleine Unfälle. Sie dient häufiger zur Behandlung von Drogenpatienten. Sie bekommen hier Medikamente und natürlich zusätzlich auch eine entsprechende Therapie.“ Diese Art der Behandlung habe schon bei vielen Drogenabhängigen Erfolg gehabt und es leben mittlerweile einige Kinder in den Don Bosco-Heimen, die bereits „clean“ sind.

Ich frage ihn nach der Bereitschaft zu Kriminalität und Gewalt. Leonardo zögert kurz bevor er antwortet: „Einige Kinder haben bereits…“ er hält kurz inne, schaut mich mit ernsten Augen an und macht mit der rechten Hand das Zeichen einer Pistole, „…aber wir arbeiten mit ihnen zusammen. Einige leben bereits in Heimen und es sind gute Kinder. Ich bin absolut überzeugt, dass sie auf den richtigen Weg kommen werden!“

Die Kinder stehen mittlerweile in einer langen Schlange vor der hinteren Tür des Busses. An der Tür steht ein Eismann in einem lustigem Clownskostüm. Einer der Betreuer zählt jedes Eis, das von der Kühlbox den Weg in die Hand eines Kindes findet… 25…26…27… Danach wird der Gesamtpreis sorgfältig mit dem Taschenrechner eines Handys ausgerechnet und der Eismann zieht zufrieden von dannen. Mit dem Eis in der Hand steigen die Kinder der Reihe nach in den Bus. Leonardo drückt jedem noch ein in Plastik verpacktes Stück Kuchen in die Hand, bevor es sich alle eng zusammengerückt in der Spielecke vor dem Fernseher gemütlich machen.

Santiago, ein etwa elfjähriger Junge, hat keine Lust auf den Film. Er setzt sich mit mir auf die bequemen Stühle in der Sanitätsecke und schaut mich mit leuchtenden Augen an, als ich ihm mein Stück Kuchen anbiete. Der Boscobús sei eine tolle Sache, erzählt er mir. Er sei immer hier, wenn der Bus im Parque Los Caobos steht, und er möchte noch ganz oft wiederkommen!

Ich schaue noch einmal in die Spielecke. Die Kinder haben auch noch jeder einen Becher Cola bekommen und schauen gebannt nach oben auf den kleinen Bildschirm. Ich verabschiede mich von ihnen, von den Betreuern und von Leonardo. Diesmal gehe ich alleine zurück durch den düsteren Park. Weiter hinten liegt etwas auf dem feuchten Boden. Als ich näher komme, ist es das Puzzle mit dem Weihnachtsmann und seinem Rentier. Beide lachen mich an.

viventura unterstützt das Straßenkinderheim „Domingo Savio“ der Don Bosco-Stiftung durch Sach- und Geldspenden und ab Januar auch durch die Vermittlung von Freiwilligenarbeitern. Eine genaue Beschreibung des Heimes „Domingo Savio“ gibt es unter www.vilinks.net/ccf0.

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