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Aus einem Künstlerleben in Chile

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„Ich habe einen Freund, der Künstler ist und Skulpturen schafft. Habt ihr Lust, ihn kennen zu lernen?“ Als wir gefragt wurden, hatten wir noch nicht daran gedacht, wie viel wir über Chile, die Militärdiktatur und das Leben eines Künstlers erfahren würden. Ein Bekannter hatte uns – das viventura Büro Santiago – eingeladen, den chilenischen Künstler Mario Irarrázabal in seinem Haus zu besuchen.

Der bis dahin uns unbekannte, dafür aber international angesehene Skulpteur empfing uns herzlich und zugleich zurückhaltend in seiner Ausstellungshalle. Mehrere Dutzend Ausstellungsstücke waren zu sehen und immer schneller wurde uns klar, wie viel verarbeitete Historie da vor uns stand: Der Diktator auf dem Kanonenrohr, in sich versunkene Gefangene, zusammen gedrängte Menschengruppen, Frauentorsos und riesige, dem Himmel zugewandte Hände. Und zu jeder Skulptur gab es eine Geschichte zu erzählen. Das faszinierte uns so sehr, dass wir noch Tage danach Gesprächsstoff hatten. Der Griff zum Telefon war nicht weit und nach kurzer Anfrage stand fest: Mario Irarrázabal wird noch einmal Zeit für uns haben und wir eine Menge Fragen.

Mario Irarrázabal wurde 1940 in Santiago geboren. Gleich nach seinem Schulabschluss ging er in die Vereinigten Staaten und studierte dort von 1959-64, bevor es ihn für weitere drei Jahre zum Studium nach Rom und für ein Stipendienjahr nach Westberlin zog. Auch sein Jahr in Bremen (1983) prägte seine Werke. Zwischen 1970 und 1974 unterrichtete er als Professor an der Universität Chile in Santiago. Doch wenn man ihn fragt, welche Zeit ihn und seine Kunst am meisten beeinflusst hat, dann war dies die Zeit der Militärdiktatur in Chile (1973-1989). Hier schuf er den Großteil seiner Werke, die stark von sozial-politischen Themen geprägt sind.

Im Folgenden möchten wir euch einen Auszug aus unserem Interview mit ihm vorstellen:

Was bedeutet es in Chile, ein international bekannter Künstler zu sein?

Ich vermute nicht viel. Wenn man den normalen Bürger heute nach bekannten chilenischen Künstlern fragt, dann wird er sie höchst wahrscheinlich nicht kennen können. Noch immer sind vor allem Musik und Theater den Menschen näher als z.B. meine plastische Kunst. Das liegt aber auch daran, dass Musik und Theater es schon immer besser verstanden haben, Humor in der Kunst zu zeigen und somit leichter mit den Problemen der Zeit umzugehen und zu kommunizieren. So gab es während der Militärdiktatur viel kulturelles Leben im Untergrund, die Künstler organisierten sich, auch wenn sie sich nach außen nicht äußern konnten und im öffentlichen Leben nicht präsent waren. In die Museen ging fast niemand. Es gab damals eine Ausstellung im Museum Bellas Artes (die Direktorin war pro-militarisch eingestellt), in der Grafiken zu sehen waren. Alle beschäftigten sich auf ironische Weise mit den Torturen einer Diktatur. Und obwohl das Museum jedem offen stand, kam niemand, um sich mit der eigenen Zeitgeschichte auseinander zu setzen. Vielleicht wäre es auch zu viel verlangt gewesen. Ich selbst hatte eine Ausstellung, die sich „Arte Militar“ nannte. Meine Skulpturen beschäftigten sich ebenfalls alle auf ironische Weise mit dieser Zeit. Ich versuchte damit, ihr die Schwere zu nehmen. Der Kommentar eines befreundeten Künstlers war: Warum? Warum schenkst du dem Militär damit wieder Aufmerksamkeit?

Wie haben Sie die Zeit während des Pinochet Regimes erlebt? (den interessantesten und bewegendsten Teil der Originalantwort könnt ihr hier downloaden – die Datei hat eine Größe von 2,74 MB – Download mit Rechtsklick und „Ziel speichern unter…“: irrarazabal.wma)

Die Zeit war nicht einfach, auch wenn – wie schon erwähnt – noch immer ein kulturelles Leben statt fand. Ich arbeitete damals als Professor an der Universität Chile in Santiago (1970-74), bis ich 1974 festgenommen und ins Estadio de Chile gebracht und zu einem „prisionero de guerra“ (Kriegsgefangener des internen Konfliktes im Land) wurde. Man tauschte uns gegen Generäle aus. Die Stadien verwandelte man in eine Art Lager, hier wurden politische Gefangene zum Teil 1,5 Jahre festgehalten – ohne jemals zu erfahren warum. Ich selbst hatte das große Glück, nach einer Woche wieder freigelassen zu werden. Ein Bischof hatte sich für mich eingesetzt. Die Katholische Kirche war damals die einzige Institution, die vom Militär respektiert wurde. So paradox das auch klingt: Ich muss sagen, dass diese Woche zu den schönsten meines Lebens zählt. Trotz der fast 300 Menschen, die zusammengedrängt auf einem Basketballplatz in einem geschlossenen Stadion ohne Tageslicht ausharrten, der stetigen Polizeipräsenz auf den Rängen (damals hatte sich noch das Rote Kreuz eingesetzt und dafür gesorgt, dass wir körperlich nicht angegangen wurden) und der Verzweiflung vieler Inhaftierten. Ich habe nie wieder eine solche Solidarität unter den Menschen verspürt. Alle versuchten die Normalität hoch zu halten oder sie wieder zurück zu holen. Wir organisierten Theaterstücke und Englischstunden, wir waren eine kleine Universität. Jeder trug das dazu bei, was er konnte. Unsere eigene Regel war: Man durfte keine Fragen bezüglich der Gründe seiner Gefangenschaft stellen und wie lange es dauern würde, wieder frei zu kommen. Man wäre sonst verrückt geworden.

Nach meiner Freilassung bin ich im Land geblieben, aus Stolz. Von den Künstlern, die ins Exil vor allem nach Europa gegangen sind, haben wir große Solidarität erhalten. Mein Vorwurf geht an diejenigen Länder, die den Stopp des kulturellen öffentlichen Lebens in Chile nicht verhindert haben und z.B. keine internationalen Ausstellungen mehr ins Land geschickt haben. In unserer eigenen nationalen Presse und dem Fernsehen fanden Künstler wie ich keine Beachtung mehr.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kunst in Chile und der des Landes?

Ich bin zuversichtlich. Die neue Regierung hat vieles bewirkt. Es gibt viele junge Künstler, die sich sowohl am Ausland orientieren wie auch mit dem eigenen Land auseinandersetzen. Trotzdem frage ich mich oft, welchen Preis wir für unsere Freiheit und die Demokratie bezahlen. Viele sind auf der Strecke geblieben, denen die Veränderungen zu schnell gingen. Familiäre Gewalt und die ungerechte Vermögensverteilung innerhalb eines eigentlich gut funktionierenden Staates sind Beispiele für die Folgen. Und noch immer gibt es eine am Präsidenten ausgerichtete Verfassung und eine Straße mitten durch Providencia, die sich „11 de Sebtiembre“ (Tag des Militärputsches, d.R.) nennt!

Haben Sie einen Tipp für unsere Reiseteilnehmer? Wohin zieht es Sie am meisten in Chile?

Ich bevorzuge die Natur, vor allem die Wüste. Die Geschichte eines Landes ist natürlich auch wichtig, aber schenkt ihr keine übermäßige Aufmerksamkeit. Eure Teilnehmer sollen das Land durch die Natur erfahren, durch Aktivitäten und Menschen vor Ort.

Wir bedanken uns herzlich bei Mario Irarrázabal für die Zeit, die er sich für uns und unser Interview genommen hat!

Bilder der wichtigsten Werke Mario Irarrázabals findet ihr hier:
www.pbase.com/rllovet/mariox

Mit den Schülern unserer Sprachschule in Santiago unternehmen wir immer wieder Ausflüge zu Mario Irarrázabal. Infos zur Schule gibt es hier:
www.spanisch-lernen-in-chile.de/santiago

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Der Autor:

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