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Reportage Venezuela: Damit der Mensch mehr Mensch werden kann!

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Als Padre Agustin mit seinem weißen Geländewagen die Hauptstraße des Viertels entlang fährt, kommen ihm haufenweise Schüler entgegen. Sie dürfen heute mal wieder früher gehen. Ein paar Schüler haben begonnen, die Fensterscheiben der Schule mit Steinen zu bewerfen. Und weil dabei gelegentlich auch noch gefährlichere Waffen ins Spiel kommen, ist es besser, die Schüler gleich nach Hause zu schicken.

Es geht gerade wieder los, als der Padre an der Schule vorbei fährt. Steine fliegen beinahe ziellos durch die Gegend. Passanten und Schulkinder, die sich noch in der Nähe aufhalten, suchen Schutz hinter einem parkenden Bus. Die Straße ist mit Schutt und Steinen übersät. Der Padre lenkt sein Auto ruhig und routiniert durch das Chaos. Aus dem Autoradio dudelt leise „California Dreaming“.

Padre Agustin wohnt im Stadtteil El Amparo im Westen von Caracas. El Amparo ist eine „rote“ Gegend. „Wer hier nach acht Uhr noch auf die Straße geht, ist seines Lebens nicht mehr sicher“, sagt der Padre. Er ist Belgier und gehört der Glaubensgemeinschaft der Salvatorianer an. Mit sechs anderen salvatorianischen Priestern betreut er eine Gemeinde, in der über 300.000 Menschen leben, und die zu den ärmsten von Caracas gehört. Einmal wurde er schon von ein paar Bewohnern seiner Gemeinde ausgeraubt und brutal zusammengeschlagen. Und das obwohl er sehr vorsichtig ist und prinzipiell nach acht Uhr nicht mehr auf die Straße geht.

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Der Geländewagen kämpft sich nun eine steile Gasse zwischen den eng aneinanderstehenden, baufälligen Häusern hoch. Hier beginnt die Gemeinde. Sie liegt am Hang des Avila-Gebirges und die meisten Straßen sind so steil, dass sie ohne Allrad-Getriebe gar nicht befahrbar sind. Viele Menschen sitzen vor ihren Häusern und beobachten interessiert, was in der Straße so vor sich geht und plaudern mit jedem, der vorbei kommt. Die Kinder spielen auf den Hausdächern oder auf der steilen Straße. Manchmal gehen sie auch in andere Teile des Viertels, wo die Straßen etwas gerader sind, um Fußball oder Baseball zu spielen.

Padre Augustin lebt mittlerweile seit vier Jahren in El Amparo und zu seinen Hauptaufgaben zählt es, junge Salvatorianer in Venezuela auszubilden. Er selbst ist erst Anfang 30 und ihm gefällt die Arbeit mit den Bewohnern in El Amparo. Auf die Frage, ob er seine Heimat Belgien nicht vermisst, sagt er: „Nein. Ich bin immer dort zu Hause, wo ich gerade lebe.“

Als Pfarrer gibt er mehrmals die Woche Gottesdienste. Eine der Kirchen befindet sich in einem Teil der Gemeinde, die tief unten im Tal des Avila-Gebirges liegt. Wer zum ersten Mal nach El Amparo kommt, kann sich kaum vorstellen, dass noch ärmer überhaupt noch möglich ist – aber das ist es!

Hier unten im Tal ist die Straße kaum noch befahrbar. Eine Schotterpiste, in die der Regen tiefe Schlaglöcher und große Erdspalten hineingespült hat. Die Häuser sind sogenannte Ranchos, Hütten aus Wellblech. Die Pfarrei hilft so gut sie kann einige der Ranchos zu renovieren, die Dächer zu erneuern und die Wellblechwände auszubessern. Doch viele von ihnen sind noch immer in erbärmlichem Zustand.

Früher war hier sogar mal eine asphaltierte Straße, doch die starken Regenfälle haben ganze Arbeit geleistet. Die Straße ist an einigen Stellen komplett unterspült worden, ganze Teile sind nach unten abgesackt. An einigen Stelle ist der Asphalt eingerissen und schollenförmige Asphaltstücke klaffen nach oben.

Doch nach der nächsten Kurve ist es nicht mehr der Zustand der Straße, der einem den Atem verschlägt. Hier türmen sich plötzlich riesige Bauten auf, die früher einmal Hochhäuser waren. Nun sehen sie aus wie riesige Gitter, denn es stehen nur noch die stützenden Mauern. Einige von ihnen stehen schief, manche sind schon umgefallen, andere wurden von der Regierung gesprengt. Sie waren so stark einsturzgefährdet, dass es lebensgefährlich war, sie zu betreten. Die Regierung musste entsprechende Maßnahmen ergreifen, da die Bewohner ihre Behausung nicht verlassen wollten und sogar immer wieder zurückkehrten, wenn man sie fortjagte. Leider wurden jedoch keine Maßnahmen ergriffen, um neue Häuser zu bauen, oder ein neues Heim für die betroffenen Familien zu suchen.

Die Einsturzgefahr der Häuser ist auch in anderen Teilen von El Amparo ein großes Problem. Die Lage am Hang des Gebirges, die schlechte Bauweise und die heftigen Regenfälle tun gemeinsam ihr bestes, um den Menschen im Barrio das schwere Leben noch schwerer zu machen. Regelmäßig werden Menschen unter dem Schutt ihrer eigenen Häuser begraben. Da sie ihr schiefes Dach über dem Kopf einfach nicht verlassen wollen, hoffen sie bis zum Schluss, dass es doch bis in alle Ewigkeit hält. Und wenn sie nicht in ihrem Haus sterben, könnte das auf der Straße genauso gut passieren.

An jedem Wochenende wird in El Amparo mindestens ein Mensch ermordet. Meistens mehr. Warum? Durch Auseinandersetzungen zwischen Banden, im Streit um ein Mädchen, wegen Meinungsverschiedenheiten oder anderer „Kleinigkeiten“. Manche Menschen lösen das mit Worten, andere mit Schlägen, in El Amparo bringt man sich um.

Die meisten Bewohner des Barrios haben keine Hoffnung, dass sich ihre Lage jemals ändert und sie die Gegend vielleicht sogar verlassen könnten, um in eine bessere Gegend zu ziehen. Die Gemeinde ist in den letzten 50 Jahren von 30.000 auf 300.000 Einwohner angewachsen. Und sie wächst weiter. Viele Mädchen werden schon in jungen Jahren schwanger, manche von ihrem eigenen Vater. Viele Bewohner sind arbeitslos. Die Männer sitzen den ganzen Tag nur vor ihren barackigen Häusern und trinken Bier. Am Wochenende sind sie immer betrunken, auch wenn das Geld eigentlich kaum reicht, um die Familie zu ernähren. Die Lage ist zu aussichtslos, um noch verantwortungsbewusst zu handeln.

Padre Augustin und die anderen Salvatorianer möchte den Menschen Hoffnung machen. Er sagt, ihr Ziel sei es, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, „damit der Mensch mehr Mensch werden kann!“ Der Weg dorthin ist für die Salvatorianer die Bildung. Sie haben mittlerweile fünf Schulen in El Amparo aufgebaut.

Anders als in den staatlichen Schulen kommen die Lehrer hier auch, wenn es regnet. Die Lehrer versuchen den Schülern Spaß am Lernen zu vermitteln und möchten sie motivieren, damit sie ihren Abschluss schaffen. Denn noch hängen viele von ihnen mit 13 oder 14 Jahren ihre Schullaufbahn an den Nagel und treiben sich mit ihren Kumpels auf der Straße herum. Sie werden später vermutlich eher Opfer eines schussreichen Wochenendes in El Amparo, als dass sie den Absprung schaffen und einen guten Job in einer anderen Gegend finden.

Der Geländewagen erreicht den Sitz der Pfarrei im Herzen von El Amparo. Während sich das riesige Hoftor lansam öffnet, blickt der Pfarrer zum Nachbarhof hinüber. Auf dem Hof tanzt ein ungefähr zwanzigerjähriger Junge, der sich sein Handy ans Ohr hält und anscheinend gute Musik hört. „Der Junge da drüben“, sagt Padre Agustin, „hat schon mindestens 30 Menschen ermordet.“ Und aus dem Autoradio dudelt noch immer „California Dreaming“.

Fotos aus El Amparo gibt es in unserer Galerie unter diesem Link
http://galerie.viventura.de/BarrioElAmparo.

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