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San Telmo – Der Muff hinter der Touristenfassade

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Es heißt, die argentinische Hauptstadt habe 100 Stadtviertel. Keiner kann alle diese Viertel kennen, aber eines kennen alle: San Telmo. Fast jeder, der Buenos Aires besucht, ist schon einmal über das berühmte Kopfsteinpflaster von San Telmo gewandert. Die Straßen und Gebäude sind im Stil der „art nouveau“ aus dem 19. Jahrhundert gebaut: meisterhaft modellierte Balkone, künstlerische Tiefreliefs und prächtige Fassaden. Das ganze Viertel steht unter Denkmalschutz.

Doch der schöne Schein trügt. Was aufmerksame Besucher schon lange festgestellen konnten, wurde vor kurzem von einem lokalen Forscherteam in einer wissenschaftlichen „Duftstudie“ aller 100 Viertel von Buenos Aires belegt: In San Telmo ist etwas faul. Es müffelt hier mehr als in den meisten anderen Stadtvierteln. Was hinter den schönen Kulissen des Viertels als dumpfer Geruch hervorkriecht nennt die Studie akademisch steif: die „negative sozioökonomische Lage der südlichen Stadtviertel“.

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In der fröhlichen Atmosphäre der zentral in San Telmo gelegenen Plaza Dorrego, wo jeden Sonntag der berühmte Flohmarkt stattfindet und das ausländische Publikum von den schönsten Antiquitätenläden begeistert wird, würde man auf den ersten Blick keine „sozioökonomischen Probleme“ vermuten: Für Touristen und Einheimische gleichermaßen gehören die Restaurants, Plätze und Geschäfte von San Telmo zu den beliebtesten der ganzen Stadt.

Künstler aus allen Zeiten fanden ihre Inspiration in San Telmo. San Telmo ist die Wiege des argentinischen Tangos, ein Viertel in dem die Vergangenheit gegenwärtig ist: manchmal tragisch, ab und zu launig, aber immer nostalgisch. Doch die imposanten Altlantenfiguren der Gasse Bolivar 915 tragen viel mehr als das enorme Gewicht des Gebäudes auf ihren Schultern. Schwer wiegt nicht nur die Vergangenheit sondern auch die Gegenwart.

Lucas ist 9 Jahre alt. Er überquert die Straße Defensa, die als die älteste Straße der Stadt bezeichnet wird. Die zweieinhalb Meter hohe Haustür mit der Beschriftung „Hotel“ steht offen. Lucas geht einige Schritte den langen Gang entlang, dann rechts durch die zweite Tür. Im engen und kühlen Innenhof hängt jede Menge Wäsche zum Trocknen, ein Schild warnt: Spielen im Hof verboten. Zwei schäbige Treppen höher befindet sich Lucas Wohnung, oder vielleicht besser „Familienzimmer“. Denn dort wohnt er mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in einem einzigen Raum unter schwierigsten hygienischen Bedingungen. Auf dem Gang kommen wir am Gemeinschaftsbad und an mehrern weiteren Türen vorbei, die genauso aussehen, wie die von Lucas Familie. In drei Minuten haben wir so viele Menschen gesehen, dass wir uns unweigerlich fragen: „Wie sind sie bloß alle hier in diesem Touristen-Vorzeigeviertel gelandet?“

Eine Antwort auf diese Frage gibt nur die bewegte Geschichte des Viertels San Telmo.

Auf dem Hügel des heutigen Parque Lezama gründete Pedro de Mendoza 1536 die Stadt Buenos Aires. Langsam wurde die Gegend um den ersten Hafen am Rio de la Plata besiedelt. Das Viertel San Telmo wuchs dabei mit der aufstrebenden Stadt. Bis zur Gelbfieberepedemie 1871 war San Telmo eines der vornehmsten Viertel. Dann flohen die reichen Familien vor der Krankheit, um sich in die nördlichen Stadtteile wie das heute noch wohlhabende Recoleta zu retten.

Ab 1880 rollten die ersten großen Einwandererwellen aus Europa an. Viele der Neuankömmlinge ließen sich in den verlassenen Häusern von San Telmo nieder. Der Wohnraum wurde schnell knapp; bald drängte sich in jedes Zimer eine ganze Familie. Seitdem werden diese gemeinschaftlichen Wohnungen „conventillos“ genannt. Schon 1890 machten die neuen Einwanderer 300.000 der 530.000 Einwohner der Stadt aus. 22% der Stadtbevölkerung wohnte im Gedränge und der Promiskuität der conventillos. Weitere Einwanderungswellen folgten: 1914 bis 1930 vor allem aus Europa, dann ab 1930 aus dem Inland, und seit 1950 bis heute aus den ärmeren Nachbarländern. Alle suchten sie in Buenos Aires ein besseres Leben, viele fanden die conventillos von San Telmo.

Präsident Peron ließ in den 50er-Jahren die conventillos per Gesetz in „Hotels“ umwandeln. Die Bewohner mussten Miete bezahlen, damit die Häuser erhalten werden konnten. Mit der Zeit allerdings führten die grassierende Arbeitslosigkeit und Armut dazu, dass die meisten Bewohner nicht mehr zahlen konnten. Viele Häuser wurden so zu „besetzten Wohnungen“.

Eine erneute Aufwertung San Telmos kam seit 1970 mit den staatlichen Investitionen im Rahmen der „Bewahrung des historischen Erbes“. Der Stadtteil wurde langsam renoviert. San Telmo erhielt die aktuelle bürgerliche Fassade und das bunte kulturelle Leben. Kunsthandwerker, Tangolokale, Antiquitätsladen und Hostels gaben dem Stadtteil ein neues Gesicht. Doch hinter den renovierten Mauern blieben die conventillos. Immer noch wohnen dort 200.000 Personen ohne anständige Wasser-, Gas- oder Stromleitungen, mit Löchern im Dach, würdelos zusammengedrängt auf engstem Raum.

Sofern die „Hotels“ noch einen Besitzer haben, zahlt die Stadtverwaltung an diese einen Euro pro Tag und untergebrachter Person. Dies führt dazu, dass die „Hotelbesitzer“ am liebsten in einem Doppelzimmer bis zu sieben Personen unterbringen, um maximal an ihren „Schützlingen“ zu verdienen. In den 59 „Hotels“ gibt es ansonsten keine weiteren Hygienekontrollen oder ähnliches. Trotzdem erscheinen die „Hotels“ von San Telmo vielen ihrer Bewohner immer noch attraktiver als die Armenviertel am Stadtrand.

Die besetzten Häuser ohne Besitzer werden immer wieder geräumt. Die Bewohner werden mit einer geringen Subvention entschädigt. Ziel dieser politisch motivierten Handlungen scheint, den geschäftsschädigenden Muff aus San Telmo zu entfernen, um den Tourismus nicht zu stören.

Im „Hotel“, wo Lucas Familie vor 15 Jahren aus Peru kommend eingezogen ist und bis heute lebt, wohnen 360 Personen. Die Gemeinschaftsküche ist so zerstört und schmutzig, dass Lucas Familie schon seit ein Paar Jahren lieber im Zimmer kocht und isst.

Dies war die Situation, die Eduardo vorfand, als er vor einem Jahr zum ersten Mal das Zimmer von Lucas Familie betrat. Eduardo ist Psychologe vom Gesundheitszentrum in San Telmo. Und Eduardo ist außerdem der Projektleiter der gemeinnützigen Organisation „Creactivar – Redes Comunitarias“. Sein erster Erfolg war 1991 die „Juegoteca de San Telmo“ („Spielothek von San Telmo“), ein Spielraum für die Kinder des Viertels, in dem sie Abstand von ihrem beengten Zuhause finden konnten.

Auch Lucas und seine Geschwister lud Eduardo in die „Juegoteca“ ein. Dort treffen sie sich seither mit Gleichaltrigen, bekommen schulische Nachhilfe und können in einer Kunstwerkstatt werkeln. Die Kinder können anders als im Innenhof ihres „Hotels“ spielen und toben soviel sie wollen. Sie bekommen zusätzlich gesundheitliche Betreuung. Die Mütter bereiten Essen zu und seit bereits fünf Jahren helfen Praktikanten der Psychologiefakultät bei der Arbeit. Seit 2006 beteiligen sich nun auch von viventura vermittelte Freiwillige an den Aktivitäten von Creactivar.

Typisch für San Telmo: Auch für die „Juegoteca“ ist der Platz knapp. Bis jetzt hat die Organisation kein eigenes Gebäude für ihre Aktivitäten gefunden. Regelmäßig pendelt die „Juegoteca“ zwischen den verschiedenen Partnerorganisationen der „Red Comunitaria“ von Creactivar hin und her, die ihnen Räume ausleihen. Für ein paar Jahre fand die Juegoteca sogar einmal in der Woche in einem Zimmer in Lucas Hotel statt. Lucas und seine Geschwister, Eduardo und viele andere Kinder und Eltern aus San Telmo hoffen, dass es ihnen irgendwann gelingen wird einen festen Platz in der Welt zu finden. viventura möchte Creactivar bei diesem Anliegen unterstützen.

Hier bekommt ihr weitere Informationen über unser Sozialprojekt in San Telmo:
www.vilinks.net/50e2

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