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Auf der Suche nach dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts

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Venezuela – ahora es de todos (Venezuela – jetzt gehört es allen)!

Es gibt keinen Tag, an dem wir diesen Satz hier nicht hören oder lesen! Er ziert Busse, Plakate, T-Shirts und läuft ständig mit dem entsprechenden Spot im staatlichen Fernsehen: Willkommen im Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Sozialismus? Ja, ihr habt richtig gehört! Ich lebe im Sozialismus. Von Reaktionen wie „Toll“ von meinen „grünen Freunden“ in Deutschland, die gerade wegen neuer Studiengebühren auf die Straßen gegangen sind, bis hin zu „was für eine Lüge“ von denjenigen, die auf deutschem Boden bereits in einem ebenso bezeichneten Gesellschaftsgebilde gelebt haben, ist alles dabei! „Marx und Engels sind überholt!“ – Ja, mag sein. Gilt das aber auch für Bolívar und Sucre? Der venezolanische Sozialismus beruht eben nicht auf europäischen, sondern auf südamerikanischen – besser: venezolanischen – Wurzeln!

Schauen wir uns das doch mal genauer an – das dachte ich vor einem guten Jahr, als ich in das sozialistische Abenteuer aufbrach, das ich auch heute noch oft so emfinde. Über Fidel hat man ja schon so einiges gehört, Hugo Chavez wurde ein langsam geläufigerer Name in der Weltpresse. Was also erwartet man?

Hier geht es weiter:
Menschen in roter Kleidung, die auf den Straßen marschieren? Ok, zugegeben, hier punktet der Suchende im regelmäßigen Abstand, wenn die Menschen aus Caracas und Umgebung in hunderten Bussen in das Zentrum der Hauptstadt gekarrt werden und ihre Meinungen kundtun! Meinung kundtun? „Wofür protestiert ihr heute?“, fragte ich, als ich wieder einmal unerwartet in eine dieser marchas geriet. „Für Chavez!“ Gut, nicht dass ich das aufgrund der roten T-Shirt-Farbe, den Plakaten oder Ausrufen (Uh, ah, Chavez no se va!) nicht hätte erraten können… „Und sonst?“ – „Für die Revolution!“ – Ja, das klingt gut… wenn auch ein wenig pauschal – das müssen wir wohl nochmal hinterfragen. Was lerne ich aber vordergründig? Am Wochenenende immer ein rotes T-Shirt im Rucksack haben, für alle Fälle… Was erlebt man aber noch an einem normalen, sozialistischen Sonntag, wenn mal keine Kundgebungen stattfinden?

Fangen wir vorne an: Meine Wohnung, gleichzeitig das viventura Partner-Büro in Venezuela, liegt gegenüber der Parteirepresentanz der Partei PPT – patria para todos (Vaterland für alle) – dem Namen nach wohl auch eher Pro-Chavez… Sonntags finden hier während der aktuellen Wahlkampfzeit regelmäßige Strategietreffen oder Einschwörungsveranstaltungen statt. Woran erkenne ich das? Nun, an den neuen Autos, die plötzlich die Straßenränder säumen… Oder an den ideologischen Worten, die zwischen den langen Salsa-Einlagen durch die großen Boxen verbreitet werden…

Ok, interessant, aber wenn man damit aufwacht, frühstückt und die sonntäglichen Deutschlandtelefonate dadurch begleitet werden, reicht es auch. Also los, aufbrechen und raus in die große, chaotische Stadt. Das rote T-Shirt in den Rucksack für alle Fälle und auf geht’s! Heute keine marcha – woran erkenne ich das? Der bekannteste und größte Park der Stadt ist voll! Also ne Runde durch den Park drehen! Hier tobt das Leben – die Menschen treiben jede erdenkliche Sportart, liegen im Gras, machen Musik, fahren Tretboot auf dem See… ja, da ist sie, die sozialistische Idylle – alle haben sich lieb. Mindestens 70 Prozent der Parkbesucher sind jünger als ich, erneut kreist die Frage des 11-jährigen Jungen aus dem letzten Monat im Kopf „Was? So alt und noch keine Kinder?“… Mein Vierteljahrhundert auf der physischen Uhr lässt mich mit all meinen Gedanken langsam weise im hiesigen Umfeld erscheinen, aber weiter gehts: Wir sind ja einer Frage auf der Spur, der Frage nach dem neuzeitlichen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Hier finde ich sie wohl nicht, die Antwort (es sei denn sie besteht im Massennachwuchs), also raus aus diesem Riesenkindergarten!

Gegenüber ist ein Riesen-Supermarkt. Wäre Wal-Mart nicht US-amerikanisch und würde die Gewinnmarge die weitgehenden Arbeitnehmerrechte rechtfertigen, würde dieser Supermarkt wohl die entsprechende, blau-weiße Aufschrift tragen. Doch halt, Arbeitnehmerrechte – sind wir da nicht bei einem sozialistischen Kernelement? Gesetzlicher Mindestlohn, Weihnachtsgeld, großzügige Krankheitsregelungen… ja, abgehakt, hier ein Element meiner Suche! Schauen wir uns das genauer an! Was kennen wir noch vom Sozialismus? Lange Warteschlangen… gut, die gibt es, weil scheinbar die 40 geöffneten Kassen der Konsumlust nicht nachkommen… Achso, und Produktknappheit… Hm, ich stelle mich mit Nutella, Coca-Cola-Dose und – immerhin – venezolanischer Tafel Schokolade in die Schlange der Expresskasse. Trifft also eher nicht zu. Doch es dauert wieder ewig, ausgerechnet alle Kunden in meiner Schlange zücken ihre Kreditkarte! Moment! Kreditkarte?

Raus aus dem Konsumtempel schlendere ich weiter. Zeit für einen Kaffee! Ich setze mich in eine der zahlreichen Cafes und bestelle meinen Maron – doppelter Espresso mit Milch, zubereitet in der Chrom-Maschine aus – ja – aus Italien wohl, zumindest sieht es so aus. Und einen Brownie. Vorher muss ich allerdings deutlich auf mich aufmerksam machen: Ich rufe „Señor“ oder pfeife, zische oder reiße meinen Arm in die Luft. Hm, Umsatz machen ist wohl nicht erste Priorität – ist das sozialistisch? Der Fernseher, der in Venezuela zur Grundausstattung eines jeden Restaurants, Bistros, Warteraums etc. gehört, läuft in nicht überhörbarer Lautstärke. Moment, die Stimme kenne ich. Ja, stimmt. Chavez in seiner sonntäglichen Informationssendung „Aló Presidente“ läuft und er erklärt dem Volk wieder, was er letzte Woche so gemacht hat. Volksnähe. Ja, das passt zum Sozialismus. Propaganda nennen es andere. Wie soll er sonst ein Volk informieren, in dem es viele Analphabeten zu Beginn der Amtszeit gab? Ja, das Argument zählt für mich! Also keine Propaganda! Ich sehe also den Sozialismus in Person vor mir auf der Mattscheibe. Was gibt es diese Woche? Der iranische Präsident Ahmadinedschad ist zu Besuch, im Kriegsfall wird ihm uneingeschränkte Unterstützung zugesagt. Eine eigene Atomwirtschaft soll mittelfristig aufgebaut werden, Informationen liefert auch der Iran. Mexiko hat angeblich bei den Wahlen manipuliert, die diplomatischen Beziehungen könnten gänzlich abgebrochen werden. Mit Bolivien und Kuba werkelt man an einem Anti-US-Block, der UNO-Sitz sollte nach Syrien, Brasilien oder Kuba verlegt werden, mit China ist eine weitgehende strategische Partnerschaft im Energiesektor, mit Russland im Waffensektor eingegangen worden. Ok, vom heutigen 5-stündigen Monolog kriege ich wohl den außenpolitischen Teil mit, aber das reicht auch vorerst. Aha, da haben wir ihn, den Sozialismus. Die imperialistische Hegemonie der USA wird kritisiert, die Freiheit der Völker und Verstaatlichung der Bodenressourcen proklamiert. Der dritte Kaffee ist getrunken, aber ein Ende dieser Sendung nicht in Sicht. Egal, weiter gehts, der Tag ist noch nicht zu Ende, die Suche auch nicht.

Ich gehe vorbei an meiner Bank, in der ich wöchentlich mindestens 2 Stunden in einer Schlange verbringe – entweder um an den Schalter oder den Geldautomaten zu kommen. Da ist sie wieder, die sozialistische Schlange, dieses Mal gleich neben Pizza Hut gelegen! Weiter geht’s. Ich komme an dem kleinen Kiosk an der Ecke der nächsten Hauptstraße vorbei – moment, ich kann ja nochmal eben eine Zeitung kaufen, vielleicht relativiert das ja den frischen TV-Eindruck und bringt mich bei meiner Suche weiter… Welche der Zeitungen nehme ich? Die, deren Titel die höchste Arbeitslosigkeit der venezolanischen Geschichte proklamiert und der Regierung vorwirft, dies mit manipulierten Statistiken zu verschleiern? Oder die, die den Rückgang der Arbeitslosigkeit aufgrund greifender Veränderungen im neuen System der Sozialökonomie verkündet? Hm, kommt wohl drauf an, ob ich auf Seite 2 und 3 lesen möchte, dass kubanische Ärzte in Venezuela Wunder vollbringen und dies nur Dank der kostenlosen Öllieferungen an Kuba ermöglicht werden kann, oder ob mir mehr der Sinn danach steht zu lesen, dass die korrupte Regierung Staatsressourcen verschenkt anstatt es im Inland zu nutzen. Ich kann mich nicht entscheiden. Will ich nun tolle neue Projekte bestaunen oder mich lieber über deren Durchführung aufregen? Egal, heute mal ein „weder noch“, wir haben Wochenende, da ist die Zeit zu schade um sich mit den Lügen gleich welcher Couleur auseinanderzusetzen. Außerdem beginnt die Schokolade in der Einkaufstüte zu schmelzen. Also zurück nach Hause zum rettenden Kühlschrank!

Ich biege um die Ecke, gehe vorbei an den Schönheitsläden dieser Stadt. An jeder Ecke thronen sie, die Friseur- und Schönheitssalons, durch die Scheiben sehe ich Damen mit Watte zwischen den Fingern während ihrer wöchentlichen Maniküre. Männer stehen davor, ob sie auf ihre Frauen warten oder eine der Schönheiten durch die Scheibe bewundern, ist nur am Gesprächsinhalt unter ihnen erkennbar. Aha, man spricht miteinander, wildfremde Menschen auf der Straße. Ja, das ist doch Teil einer sozialistischen Idylle, oder?

Kaum biege ich in meine Straße ein, höre ich wieder die lauten Salsaklänge aus der Parteizentrale. Das Tor steht offen, der Wachmann steht Spalier, einige Autohupen sind zu hören, nachdem gut gekleidete, laut redende Menschen auf eine Fernbedienung gedrückt haben. Die Veranstaltung scheint zu Ende zu gehen! Dunkle Autoscheiben fahren an mir vorüber. Ich schließe das schwere Gartentor auf. Da bin ich wieder, zurück in meinem Haus. Und was habe ich heute über den Sozialismus gelernt? Naja…also…ist doch klar…oder? Jedenfalls läuft die Zeit genauso (schnell) wie im Kapitalismus! Aber mein Tag ist ja noch nicht zu Ende, meine Suche also auch noch nicht!?

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