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Gedanken von unterwegs – zum Frieden

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„Nuestro servicio es expreso“ – Unsere Dienstleitung ist prompt, lese ich die letzten zwei Stunden auf der Kopfstütze des Sitzes vor mir. Die Ironie der Lage: Seit zwei Stunden stehen wir im Stau und es bewegt sich gar nichts. Expreso? Nicht auf „la Linea“, der vielbefahrenen Verbindungsstrecke zwischen Buenaventura, dem wichtigen Hafen am Pazifik und Bogota, dem Zentrum aller wirtschaftlichen Aktivitäten Kolumbiens. Es kommt in Kolumbien einem Naturgesetz gleich, dass eine Fahrt über die Linea immer unvorhersehbar und voller Staus ist.

So wie auf der „Linea“ der Verkehr, stockte es lange Zeit auch in der kolumbianischen Politik, zumindest was die Friedensverhandlungen zwischen der linken Guerilla FARC und der Regierung angeht. Dass der jetzige Präsident Uribe nicht mit der FARC verhandeln wird hatte beinahe den Rang eines Naturgesetzes. Ebenso war es fest zementiert, dass die FARC mit einem Präsidenten Uribe nicht sprechen wird. Punkt.

Voller Überraschung erlebten die Kolumbianer in den letzten Wochen, dass beide Seiten Bereitschaft zeigten, über einen Gefangenenaustausch zu reden (siehe unser Oktober-Newsletter).

Hier geht’s weiter:

Dies war schon eine Sensation an sich. Als dann auch noch über Friedensgespräche und eine verfassungsgebende Nationalversammlung mit Vertretern der Guerilla gesprochen wurde kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wow! Aber genau wie eine überraschend flotte Fahrt auf „la Linea“ durch einen plötzlich querstehenden Lastwagen über Stunden gestoppt werden kann, stellten sich nach den anfangs sich überschlagenden Angeboten zu Friedensverhandlungen schnell die ersten „Elefanten“ – einflussreiche Kräfte in beiden Lagern – quer und verursachten nicht enden wollende Staus.

In Folge zogen sich beide Seiten auf ihre alten Positionen zurück. Die Guerilla erwartet eine entmilitarisierte Zone um die Gebiete in denen die Gespräche stattfinden sollen. Uribe kann sich einen Rückzug der staatlichen Truppen nur vorstellen, wenn die Guerilla ihrerseits auch ihre Truppen fern hält. Dies ist für die Guerilla nun gar nicht akzeptabel. Stau.

Auf dem ersten Blick ist das eine frustrierende Entwicklung. Es wäre aber falsch zu glauben, dass die Gesprächsbereitschaft geendet hätte, bevor das erste Treffen überhaupt stattgefunden hat. Betrachten wir die geschichtliche Entwicklung des Konflikts, relativieren sich die Haltungen beider Parteien.

Die beiden großen Parteien, Liberale und die Konservative, einigten sich Mitte der fünfziger Jahre darauf, sich alle vier Jahre im Präsidentenamt abzulösen. Mit dieser Maßnahme wollten sie den Krieg zwischen beiden Parteien beenden und den Fortbestand der Demokratie schützen. Gemeinsam konnten sie so verhindern, dass sich in Kolumbien eine echte politische Opposition bilden konnte. Einzige Alternative war die ANAPO, von dem ehemaligen General und Ex-Diktator Rojas Pinilla gegründet, die für so manchen spannenden Wahlausgang sorgen konnte. Ihre Ziele waren zu verworren. Eine echte Alternative stellten sie nicht dar. Zumal die politisch Denkenden dem General Rojas Pinilla nicht verzeihen konnten, dass er sich mittels eines Militärputsches für drei Jahre an die Macht gesetzt hatte. Pinilla wurde somit der erste und einzige Diktator Kolumbiens.

Der Mangel an einer echten politischen Alternative führte bald zu einem Reformstau und bereitete den Boden für die Guerilla. Als diese in den sechziger Jahren ihren bewaffneten Widerstand begannen und ihm eine sozialpolitische Begründung geben konnten, schlossen sich ihr viele aus ideologischen Gründen an. Bald regelte die Guerilla in vielen Gegenden, in denen der kolumbianische Staat nicht hinkam, das gesellschaftliche Zusammenleben und bildeten somit „Staate im Staat“. Kolumbien ist sehr groß und dünn besiedelt. Die weite Mehrzahl der Bevölkerung lebt im Gebiet der drei Kordillieren oder an der Atlantikküste. An der pazifischen Küste, in den Llanos (dem unendlich weiten Flachland zu Venezuela im Osten und dem Amazonas im Süden) und dem Amazonas selbst, leben nur sehr wenige Menschen. Ein ideales Rückzugsgebiet für die Guerillas, denn der Staat war in diesen Gegenden nicht präsent: Keine Polizei, kaum Militär und keine funktionierenden Verwaltungen.

Im Laufe der Jahre zeigte sich aber, dass die Guerilla in den dichter besiedelten Landesteilen nicht die gleichen Erfolge erringen konnte. Ihre Absicht, mittels einer bewaffneten Revolution eine Beseitigung der herrschenden sozialen Missstände herbei zu führen wurde fast nur in Studentenkreisen geteilt. Militärisch war die Guerilla nicht in der Lage, den Staat in die Knie zu zwingen.

Auch begann sich der Staat langsam um die sozialen Probleme zu kümmern und so manche Forderung der Guerilla nach Reformen überflüssig zu machen. Aber auch der Staat war nicht in der Lage die Guerillas militärisch oder ideologisch zu besiegen.

Es kam zu einer Patt-Situation die wohl ewig so hätte andauern können, wären nicht die Guerilleros der ersten Stunde älter geworden und hätte sich das Kokaingeschäft nicht so mächtig entwickelt. Vor allem jüngere Guerilleros erkannten bald, welche riesigen Einnahmequellen in diesem Geschäft warteten. Kokain wurde zu einer wichtigen Geldquelle für den bewaffneten Widerstand. Die Guerilleros der ersten Stunde kamen mittlerweile in ein Alter, in dem man lieber in einem Bett eine Nacht durchschläft, als dass man im feuchten Dschungellager um drei Uhr morgens geweckt wird, weil eine Militärpatrouille gesehen wurde. So begannen sich die Guerillas zu spalten, die jungen, die vor allem ein Geschäft sehen und die Alten, die müde sind und glauben, ihre ursprünglichen ideologischen Ziele auch auf einem verhandelten Weg zu erreichen.

Denn seit den Sechzigern hat sich im politischen Kolumbien viel geändert. Die Politiker sind sich sozialer Themen bewusst und in den Parteien und Ämtern sitzen nicht mehr die alten bekannten Familien alleine an den Hebeln der Macht. Das Parteienspektrum hat sich geöffnet und gerade ehemalige Guerilleros haben in den neuen Parteien eine politische Heimat gefunden. Auch hier begann man nach Alternativen zu einer militärischen Lösung des Guerilla-Problems zu suchen.

So war es die Regierung Andres Pastranas, die ein Ende der Eiszeit mit den Guerillas einleitete und das Gespräch mit ihnen suchte. Leider mit vernichtenden Ergebnissen. Pastrana vereinbarte mit den Guerillas Zonen, aus denen sich das reguläre Militär zurückzog, damit die Guerilla-Führer sicher zu den Verhandlungen kommen konnten. Aber die Guerilla nutze den Rückzug um sich mit ihren eigenen Truppen fest zu setzen. Wie Pastrana fühlte sich auch das kolumbianische Volk von der FARC verraten und reagierte mit der Wahl Uribes, eines bekannten Hardliners gegenüber der Guerilla. Kaum im Amt erklärte Uribe, dass er nicht mit der Guerilla verhandeln würde, so lange diese ihre Waffen nicht abgäben.

Uribes ersten vier Amtsjahre charakterisieren sich durch seine Bemühungen, die Präsenz des Staates wieder erkennbar zu machen und die Guerillas zurück zu drängen. Aber wie alle anderen weiss auch Uribe, dass es keine militärische Lösung für dieses Problem gibt und so verkündigte er schon bei seiner Siegesfeier in der letzten Wahlnacht, neue Wege zu einem dauerhaften Frieden gehen zu wollen.

Daher kommt die jetzige Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten gar nicht so plötzlich, wie manche denken mögen. Auch der jetzt folgende Stimmen-Wirrwarr überrascht nicht, denn noch haben beide Seiten ihre Reihen nicht geschlossen hinter sich. Es stehen sicher noch einige interne Machtkämpfe an und sowohl Uribe als auch die Guerilla-Führung werden noch länger geschickt vor und zurück rudern müssen, bevor es wirklich zu Gesprächen kommt. Aber es gibt kein Zurück mehr, denn diesmal verlangt das kolumbianische Volk, dass es zu ergebnisorientierten Gesprächen kommt. Und seine Abgeordneten setzen Uribe unter Druck. Aber auch die Guerilla muss Farbe bekennen, vor allem nachdem das Parlament ihr eine Einladung zu Gesprächen ausgesprochen hat.

Und so glauben wir Kolumbianer, dass sich auch dieser Stau langsam wieder auflösen wird. Fast genauso, wie es jetzt nach sechs Stunden auf „la Linea“ flott weiter geht.

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