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Der Mercado San Camilo… und nachts hörten wir die Stimmen der Verstorbenen

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„Jugos, tela, carne, frutas!“, tönt es mir entgegen, als ich in die riesige Markthalle trete. Eine Welle eigenartigen Geruches schwappt mir entgegen, eine Mischung aus Früchten, Fleisch, Fisch und vielen Dingen, die ich nicht definieren kann. Buntes Treiben herrscht auf dem Markt San Camilo von Arequipa, überall wuseln Menschen herum, mit großen Karren, bunten Tüchern auf dem Rücken und dazu wimmelt es von Kindern. Der Markt, keiner weiß genau seit wann er existiert, ist etwas ganz Typisches in Arequipa, sozusagen gehört er zum Inventar der Stadt.

In Büchern ist über diesen Markt zu lesen, dass er von dem Orden der Lazarus anstelle des ursprünglichen Markts „Recovita“ vom „Plaza de Armas“ unter ein von Gustave Eiffel errichtetes Stahldach replatziert wurde. Aber was ist die wirkliche Geschichte des Marktes, was geschah seither? Das lässt sich nur vor Ort erkunden…

Ich kämpfe mich weiter in das Innere des Marktes, ein wenig argwöhnisch betrachten mich besonders die alten Frauen, mit meinen blonden Haaren und 1,78m Statur. Es ist nicht ganz einfach, sich durch die Gänge zu bewegen. Ebenen Boden gibt es hier nicht, fast alles ist auf reiner, mittlerweile plattgetretener Erde erbaut. Besonders in der Fleisch- und Geflügelsektion muss ich aufpassen, dass ich nicht in die kleinen Bäche aus Wasser und Blut stapfe.

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Ich entdecke eine alte Frau, sie sitzt erschöpft auf einem Schemel vor ihrem Stand. Freundlich bitte ich sie, mir doch ein wenig über die Geschichte des Marktes zu erzählen. Sie beäugelt mich, murmelt etwas vor sich hin und schüttelt dann entschieden mit dem Kopf. Danach zeigt sie aber auf eine Frau hinter sich, die resolut hinter ihrem Gemüsestand steht und gerade einen Kunden bedient. Langsam bewege ich mich Richtung Stand, die Frau schaut mich an, fragt, ob sie mir helfen könnte. Ob sie mir ein wenig über die Geschichte des Marktes erzählen könnte, bitte ich sie. „Aber natürlich“, sagt sie und wendet sich zunächst wieder ihrem Kunden zu. Kaum ist dieser weg, schaut sie mich an. Die Frau ist alt, hat ein wettergegerbtes, faltiges Gesicht und man sieht ihr die viele Arbeit an. Doch hinter ihrer dunklen Brille schauen mich wache und aufmerksame Augen an. Bevor ich überhaupt etwas sagen kann, schaufelt die 86jährige Victoria mit einem Löffel eine undefinierbare weiße Pampe aus einer Blechtonne. „Prueba, probiere mal“, ermutigt sie mich und vorsichtig stecke ich mir ein Stück mit den Fingern in den Mund. „Weizenschleim“, sagt sie mir auf Spanisch, schmeckt gar nicht so schlecht. Seitdem sie 13 ist arbeitet Victoria auf dem Mercado San Camilo. Ihre Mutter nahm sie damals mit und es gefiel ihr so gut, dass sie die Schule abbrach. Seit 1933 steht Victoria nun hinter ihrem Stand und verkauft Gemüse.

Vieles hätte sich geändert, erzählt mir Victoria. Früher, da sei alles anders gewesen. Die Standmiete hätte noch fünf Centavos gekostet, heute seien es 130 Soles im Monat (mehr als das 2000fache). Die Arbeit sei härter, alles viel schnelllebiger und niemand hätte mehr Zeit für den anderen. Der Markt sei früher eine Gemeinschaft gewesen, alle hielten zusammen, besonders in den Zeiten, als die Regierung den Markt schließen wollte, dies sei mehr als ein Mal vorgekommen.

1986 regierte der Bürgermeister Luís Caceres Velasquez die Stadt Arequipa. Er hatte versprochen, die Stadt zu modernisieren, „aufzuräumen“ und nach vorn zu bringen. Eines seiner Anliegen war es, den großen und doch recht unhygienischen Markt San Camilo zu schließen. Vieles sollte sich ändern und Peru sollte sich aus der Armut heraus entwickeln.

„Keiner dachte dabei an uns“, erzählt mir Victoria. Im Markt arbeiten mehrere hundert Leute, die meisten seit vielen Jahrzehnten und die Stände werden von Generationen zu Generation weitergebenen. Für viele ist der Markt nicht nur Einkommensquelle sondern auch Lebensinhalt. So entschieden sich die Mercaderos, um ihren Markt zu kämpfen. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden die Eingänge verbarrikadiert, Steine vor die Türen gerollt und die Menschen besetzten 1986 den Markt. Immer wieder wurden von der Regierung Maßnahmen ergriffen, um die Verkäufer aus der riesigen Markthalle zu drängen. Wasserwerfer und bewaffnete Militärs wurden eingesetzt, doch die Besatzer ließen sich nicht klein kriegen.

„Schlimmer noch als die Polizei und die Regierung waren die Stimmen, die wir nachts hörten“, sagt Victoria. Denn, was ich selbst auch nicht wusste, bevor der Markt zum Markt wurde, befand sich dort eine Kirche mit einem Friedhof. Kalter Schauer läuft mir über den Rücken, als ich daran denke, worauf ich gerade stehe. Wenn ich hier schlafen müsste… denke ich. Jede Nacht, so Victoria, hörten sie die Verstorbenen klagen, in leisen Stimmen, unterträglich sei es manchmal gewesen.

Fast ein ganzes Jahr hielt die Besatzung des Marktes im Zentrum der Stadt an. Die Beschwerden wurden immer lauter, die Auseinandersetzungen immer agressiver. Als der Konflikt zu eskalieren drohte, schaltete sich der damalige und heutige Präsident Alan Garcia ein. Es schien, als erkannte Garcia die Bedeutung des Marktes. San Camilo ist nicht nur ein Markt inmitten der Stadt, San Camilo repräsentiert die Wurzeln vieler Arequipeños. Als Konsequenz und um den Auseinandersetzungen ein Ende zu setzen, erklärte Garcia das Gebäude als Kulturerbe des Landes. Somit wurde das Grundstück mit der perfekten Lage für die Errichtung eines modernen Marktes uninteressant. Die Mercaderos hatten gewonnen und den Markt für sich gerettet.

„Von der Gemeinschaft ist nicht viel übrig geblieben“, sagt Victoria traurig. Die Menschen haben viele Dinge vergessen, die früher sehr wichtig waren: Freundschaft, Gemeinschaft und Zeit für die Freunde, ihre Kunden. Manchmal laufen Leute vorbei und flüstern „pobre viejita, está en sus últimos días“ (arme Alte, das sind wohl ihre letzten Tage) vor sich hin. Derartige Respektlosigkeiten seien ihr damals nicht untergekommen.

Nun sollte der Markt im September diesen Jahres erneut wegen misständlichster hygienischer Verhältnisse geschlossen werden. Kämpfen mussten die Mercaderos diesmal jedoch nicht so viel. Gott sei Dank hatten die Verhandlungen schnell Erfolg: Der Markt darf geöffnet bleiben und wird nun saniert. Die Böden werden betoniert und auch Abwässerläufe werden errichtet. So haben nun alle gewonnen: Die Behörden, die auf die Sauberkeit achten müssen, die Kunden, die hygiensche Produkte bekommen, die Marktleute, die weiterhin in „ihrem“ Markt ihre Produkte verkaufen dürfen und auch die Geschichte, denn San Camilo wird sicherlich auch weiterhin viel zu bieten haben.

Mit einigen geschenkten Möhren und einer Geschichte, die mich nachdenklich gemacht hat, mache ich mich auf den Weg zum Ausgang des Marktes. Wieder stapfe ich durch die dreckigen Gänge und hoffe, als ich wieder „Jugos, tela, carne, frutas!“ höre, dass diese Worte auch in 100 Jahren hoffentlich nicht verklingen werden.

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