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Argentinien: Eine Nacht mit den Cartoneros

28. Okt 2008Allgemein 10 Kommentare

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Buenos Aires, Microcentro, 27. Oktober 2008
19:30 Uhr. Ein milder Frühlingssonntag neigt sich dem Ende entgegen. Vor den Hauseingängen und Läden der Stadt beginnen sich Müllberge zu stapeln. Zwischen Pizzaschachteln, Weinflaschen und sonstigem Hausmüll wühlen Menschen auf der Suche nach Verwertbarem. Es sind zumeist junge Menschen, manchmal auch ganze Familien mit kleinen Kindern. Ein Anblick, der sich mir auf dem Heimweg vom Büro regelmäßig bietet. Es sind die so genannten Cartoneros. Der Name leitet sich vom spanischen Wort für Karton ab und bezeichnet die Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Sortieren von Müll verdienen.
„Wir leben nicht vom Müll, wir recyceln. Ich bin stolz auf meine Arbeit.“, erzählt Luis.

Luis ist 51 Jahre alt, seit etwa 20 Jahren durchstreift er die Straßen von Buenos Aires auf der Suche nach Verwertbarem. „Mein Vater ist früh verstorben, ich musste daher schon als Kind arbeiten, um meine Mutter und Geschwister zu unterstützen. Ich hätte gern studiert, doch dazu hatte ich keine Gelegenheit. Mein Studium habe ich auf der Straße gemacht.“ Stolz zeigt er mir seinen Laster, in den gerade zwei Jugendliche einen riesigen Sack mit leeren Plastikflaschen hieven. „Der ist meiner! Das hat mich Jahre gekostet!“

Als Luis begann, den Hausmüll der Großstädter zu durchsuchen, war er noch einer der Wenigen, die sich die Hände schmutzig machen wollten. Argentinien ging es damals relativ gut. Dann kam die Finanzkrise von 2001. Beim Zusammenbruch der nationalen Banken verloren viele Bürger über Nacht ihr Gespartes. Plötzlich war Luis einer unter Vielen. Tausenden Argentiniern blieb damals nichts anderes übrig, als vom Müll anderer zu leben. Die Cartoneros gehören seitdem zum Alltagsbild von Buenos Aires.

Der Hausmüll wird in Argentinien in der Regel nicht sortiert. Im Rahmen des Programms „Basura Cero“ (Null Müll) sind aber seit Mitte 2007 größere Müllverursacher wie Banken, Supermärkte, Luxushotels oder Shopping-Center dazu verpflichtet, organischen Abfall von Verpackungsmaterialen getrennt zu entsorgen. Der Müll wird an Wochentagen und Sonntags in den Abendstunden vor den Geschäften oder Wohnungseingängen auf die Straße gestellt. Dies ist die Zeit, zu der die Cartoneros ihre Arbeit aufnehmen.

Der Müll wird meist in schwarzen, unmarkierten Säcken auf die Straße gestellt, die keinen Blick auf den Inhalt ermöglichen. Die Cartoneros müssen daher zunächst die Tüten aufreißen und diese durchwühlen. Dadurch verstreuen sich häufig organische Materialien und wertlose Abfälle um die Müllstellen. Gesammelt wird alles, was irgendwie von Recyclingfirmen aufgekauft wird. Dazu gehören vor allem Papier und Karton, Plastikflaschen sowie Kupferdrähte oder Aluminium.

20:20Uhr. Antonio, ein schmächtiger, etwas schüchterner Achtzehnjähriger nähert sich mit einem riesigen Sack dem Kleinlaster von Luis. Der Sack überragt Antonio um fast einen halben Metern. Geschätzte fünfzig Kilo Altpapier konnte er in den letzten eineinhalb Stunden zusammen mit seinem Freund „el Pulga“ sammeln. „Heute läuft es gut,“ strahlt er. Ein Supermarkt um die Ecke hatte stapelweise Karton vor die Hofeinfahrt gestellt. Um die 50 Kilo Altpapier zum Laster transportieren zu können, benutzen die beiden einen stabilen, umgestalteten Einkaufswagen, ähnlich jenen, wie man sie in Baumärkten vorfindet.  Scheinbar mühelos heben sie den Sack in den Laster und machen sich wieder auf die Suche.

Insgesamt sechs Jugendliche kommen im Laufe des Abends mit ihren Wägen und schweren Säcken zum Laster. Sie gehören zur untersten Stufe im argentinischen Recycling-System. Luis dagegen sucht zwar auch nach Verwertbarem, doch als Lastwagenbesitzer kassiert er einen Anteil am Gewinn der Cartoneros. Dafür ermöglicht er ihnen den Transport in die Vororte von Buenos Aires. Dort verkaufen sie die gesammelten Wertstoffe an einen so genannten „galponero“, Aufkäufer, die über große Lagerkapazitäten und Pressen verfügen. Nachdem diese den Müll gepresst haben, verkaufen sie ihn weiter an eine der wenigen Recyclingfirmen.

Gezahlt wird pro Kilo. Die Cartoneros erhalten je nach Wertstoff im Schnitt etwa 25 – 30 centavos (ca. 0,07 Euro-Cent). Die Galponeros verkaufen mit einer Gewinnspanne von etwa 15 Prozent. In den Vororten, im so genannten Gran Buenos Aires, lassen sich für die Cartoneros bessere Gewinne erzielen als in der eigentlichen Stadt, der Capital Federal. Das Problem ist jedoch der Transport dorthin.

Als 2001, während des schlimmsten Jahres der nationalen Wirtschaftskrise, geschätzte 100.000 Menschen vom Durchsuchen des Mülls lebten, verpflichtete die damalige Regierung die Bahngesellschaften zum Einsatz eines Sonderzuges. Der Tren Cartonero oder auch Tren Blanco, der „weiße Zug“ – eine zerbeulte Bahn, die einmal pro Tag aus den Vororten in die argentinische Hauptstadt fuhr und die Cartoneros zu ihrer Arbeit und wieder zurück brachte. Anfang 2007 wurde der Zugverkehr eingestellt. Als Folge dessen siedelten sich hunderte Familien in Gebieten um die Bahnhöfe an, da sie sich den Transport in die Vororte nicht leisten konnten.

21:30 Uhr. Antonio, „el Pulga“, Diego, „Coco“, Luca und Maurice laden die letzten Säcke in den Laster. „Es tut weh zu sehen, dass viele so junge Leute keine bessere Arbeit finden können“, sagt Luis ein wenig gedämpft, damit die jugendlichen Cartoneros ihn nicht hören. Luis hat acht Kinder, keines von ihnen arbeitet als Cartonero. „Zwei meiner Töchter studieren,“ erzählt er mir voller Stolz. Hinter ihm kehren die Cartoneros mit einem Besen zerstreute Reste zusammen. „Wir machen das so, andere nicht. Aber wir wollen unseren Job gut machen. Dafür respektieren uns auch die Anwohner. Einige stellen uns sogar den Müll sortiert vor die Tür. Wenn das alle machen würden.“

Die Arbeit vor Ort ist mittlerweile eigentlich erledigt. Doch in Argentinien geht niemand zum Feierabend, nach Schulschluss oder Vorlesungsende direkt nach Hause. Man bleibt noch eine Weile zusammen, geht vielleicht in eine Bar oder ein Cafe und redet über alles Mögliche. Auch wir stehen noch eine Weile zusammen im Kreis und unterhalten uns. Zwei Nachbarn, die auf ihrem Abendspaziergang vorbeikommen, klinken sich mit ein. Das Thema wechselt munter von Fußball (Boca hat gewonnen! Racing auch!), über Lobpreisungen des argentinischen Beefsteaks zu Frauen und wieder zurück.

Man fragt mich, wie die Müllentsorgung in Deutschland gehandhabt wird. Ich erzähle vom „Grünen Punkt“, vom Dosenpfand und davon, wie ich vor Jahren für eine Müllsortierungsfirma am Fließband den Inhalt „Gelber Säcke“ aussortiert habe und anschließend sämtliche Passanten bereits aus etlichen Metern Entfernung mit meinem Gestank belästigte.

Dann fahren plötzlich nagelneue Müllwagen vorbei. Männer in Einheitsanzügen laden Müll ein, getrennt nach Papier und Plastikflaschen – genau wie die Cartoneros. Die Stadtregierung unter Oberbürgermeister Macri hat Ende September ein neues Programm verabschiedet. Danach soll die Arbeit von 4.800 Cartoneros formalisiert werden. Die Arbeiter sollen teilweise versichert werden, Anspruch auf Rente erhalten und Dienstkleidung gestellt bekommen. Auch soll der Abtransport des sortierten Mülls durch städtische Fahrzeuge erfolgen. Des Weiteren soll es Betreuungsplätze für die Kinder der Angestellten geben. Eine der der zentralen Arbeitsvorschriften ist es, dass die Kinder ihre Eltern nicht bei der Arbeit begleiten dürfen. Was in den viel versprechend klingenden Presseankündigungen nicht zu lesen war, ist das Grundgehalt – 300 Pesos im Monat (knapp 75 Euro).

Luis würde für diesen Hungerlohn, wie er sagt, nie arbeiten. Die anderen scheinen sich nicht sicher. Sehr viel mehr verdienen sie auch nicht. Meistens um die 500 Pesos. Reicht das zum Leben? Ich denke an meinen Einkauf wenige Stunden zuvor. Etwas Salat, Wasser, Eier, Brot, Reis und Thunfisch für vielleicht drei, vier Tage – 40 Pesos im Supermarkt. Die Lebenshaltungskosten in Buenos Aires sind kaum geringer als in Zentraleuropa.

Kurz danach brechen Luis und die sechs Cartoneros mit ihrem Laster auf nach Lanus, ein Vorort im Süden von Buenos Aires. Dort werden ihnen die gesammelten Wertstoffe abgenommen. Wenig später kommen die Wagen der regulären Müllbeseitigungsfirmen und sammeln den Restmüll ein.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das neue, von Macri initierte Programm entwickeln wird. Und vor allem bleibt die Frage, was passiert mit den etwa 35.000 cartoneros, die nicht davon begünstigt werden?

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10 Antworten auf “Argentinien: Eine Nacht mit den Cartoneros”

  1. Nicole sagt:

    Lieber Christian,

    vielen Dank für diesen tollen Artikel! Ich habe jede Zeile mit großem Interesse gelesen und bin gespannt, wie das Projekt von Macri weitergeht, denn auch in Kolumbien sind die „recicladores“ (wie die cartoneros bei uns heißen) und das Recycling allgemein ein wichtiges Thema.

    Ich weiß, dass du uns weiter auf dem Laufenden hälst und freue mich schon über Neuigkeiten aus Argentinien.

    Nicole

    PS: Wie war der Abend mit den cartoneros persönlich für dich?

  2. Andre sagt:

    Super Artikel. Hat mir wirklich einen guten Einblick gegeben in das Leben der Cartnoeros in Buenos Aires. Vielen Dank!

  3. Hendrik sagt:

    Muss ich mich anschließen. Sehr interessant. Danke!

  4. Sarah sagt:

    Danke für den interessanten Artikel.
    Hier in Peru gibt es auch viele „recicladores“. Manchmal klingeln sie sogar an den Haustüren und fragen, ob man Papier oder Plastikflaschen zum Hergeben hat. Leider wird eher recycelt, um damit Geld zu verdienen, weniger aus Umweltgründen. Aber es ist immerhin ein Anfang.

  5. Andrea sagt:

    Vor einigen Wochen gab es hier im TV einen Bericht über die Cartoneros in Buenos Aires.
    Dieser Bericht war eine schöne Ergänzung zur gezeigten Dokumentation.
    Danke schön, toller Bericht!
    weiße, winterliche Grüße
    Andrea

  6. Johannes sagt:

    Super Artikel… bin zur Zeit auch hier in BA und die Cartoneros haben mich oft schon zum nachdenken gebracht. Umso interssanter war es von dir den Einblick zu bekommen…!

  7. Christian sagt:

    Vielen Dank für eure positiven Kommentare, motiviert natürlich, weiterhin zu schreiben und am Thema dranzubleiben…sobald es was Neues gibt, lass ich es euch wissen.

  8. alain sagt:

    hallo Christian,

    int. das Thema basura / cartoneros, guter Artikel. bist du noch in BA? Recherchiere für einen Dok-Film über ba^sura bis Mitte Januar, kontaktier mich doch!
    saludos
    alain

  9. alain sagt:

    hallo Christian,

    graturlier, guter ARtikel! bist du noch in BA?
    Kontaktier mich doch, recherchiere bis Mitte Jan. für einen Dok-Film über Basura.
    saludos
    alain

  10. Mareen sagt:

    Hola Christian,
    auch ich habe mit Interesse deinen Artikel gelesen. Als ich im Februar selber in BsAs war, konnte ich hautnah erfahren, wie die Cartoneros zum Alltagsbild der Stadt gehören. Ich hatte zwar zuvor schon einiges über die Cartoneros gehört, aber sie letztendlich „live“ zu erleben macht schon ziemlich nachdenklich.

    Saludos
    Mareen

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