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Das Dilemma der katholischen Kirche in Brasilien

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Im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco wurde ein Mädchen von ihrem Stiefvater über Jahre vergewaltigt. Nachdem die Mutter das Mädchen wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus brachte, wurde Ende Februar bei der neunjährigen eine Schwangerschaft von Zwillingen im vierten Monat festgestellt.

Selbst noch ein Kind und mit ihren 36kg-Gewicht auch körperlich kaum Chancen, die Schwangerschaft zu Ende zu führen, war die logische Folge ein Schwangerschaftsabbruch. Abtreibung ist in Brasilien verboten, doch das Gesetz erlaubt den Abbruch, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist oder die Schwangerschaft eine Folge einer Vergewaltigung ist. In diesem Falle waren beide Gründe vorhanden, denn ein Austragen hätte eine große Lebensgefahr für das Mädchen bedeutet.

Dieser Fall wäre als eine weitere, traurige Tragödie von Kindermissbrauch in die Statistik eingegangen, hätte sich die katholische Kirche nicht eingemischt und vor Brasilien und der ganzen Welt seine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt.

Ausgerechnet der Erzbischof von Recife und Olinda, Dom José Cardoso Sobrinho, hatte kategorisch die Exkommunizion der Mutter des Mädchens und des Ärzteteams verordnet, da diese Abtreibung nach Ansicht der Kirche ein Mord an noch ungeborenem Leben darstelle. Der sträfliche Schwiegervater dagegen kann weiterhin seine Sakramente empfangen. Die Abtreibung wäre schlimmer als das Verbrechen der Vergewaltigung eines neunjährigen Mädchens, so die Aussage des Erzbischofs. Auch die Konferenz der Bischöfe von Brasilien verteidigte die Exkommunizion.

Dies führte zu einem Sturm der Entrüstung bei der Bevölkerung, allen voran President Lula und einige Minister, welche sich offen und klar gegen die Entscheidung der Kirche stellten.

Brasilien ist das Land mit den meisten Katholiken weltweit und die Kirche übt noch immer eine starke Macht aus. Deshalb ist eine Exkommunizion eine ernste Angelegenheit und für die meisten Betroffenen, gleichbedeutend mit einem totalen Ausschluss aus der Kirche. Die Ärzte, Krankenschwestern und die Mutter wollten dem Kind helfen und werden nun dafür aus der Kirche ausgestoßen.  Was diese Exkommunizion für diese Menschen bedeutet, die so stark mit der Kirche und ihrem Glauben verbunden sind, ist vielleicht mit dem Auschluß aus der Familie (oder noch schlimmer) zu vergleichen. Sie verlieren die Basis ihres Lebens und ihr Glaube an Gott wird so natürlich drastisch in Frage gestellt.

Auch die weltlichen Gesetze sind auf ihrer Seite, aber eben nicht das Kirchengesetz. Nun wird dieses Dilemma in allen Medien ausführlich diskutiert – die Mehrheit der Bevölkerung hat sich unserem Presidenten angeschlossen und verurteilt die Meinung der Kirche.

In Wirklichkeit zeigt diese Stellungnahme des Erzbischofs für mich die Dekadenz der katholischen Kirche in Brasilien. Sie hat bereits einen großen Teil seiner Schäfchen an die Sekten und evangelischen Freikirchen verloren. Heute sind nur noch etwa 75 Prozent der Bevölkerung in der katholischen Kirche, vor 20 Jahren waren es noch 90 Prozent.

Die konservative Haltung der Kirche in Sachen Verhütung und Abtreibung haben ihren Teil dazu beigetragen, denn auch die künstlichen Verhütungsmittel werden von ihr verboten. Ein anderer Grund ist die fehlende Sensibilität für die Probleme der armen Bevölkerung. Diese Bevölkerungsschicht fühlt sich immer mehr zu den Sekten und Freikirchen hingezogen, da diese sich den Problemen dieser Menschen annimmt und nicht nur Seelenheil verspricht, sondern durch den starken Zusammenhalt innerhalb der Kirchengemeinde auch Lösungen für ihre Anhänger sucht.

So ist nicht mehr viel übrig geblieben von der Befreiungstheologie der katholischen Kirche, welche während der brasilianischen Militärdiktatur bis in die 80iger Jahre sich voll hinter die Armen stellte und der Diktatur de Stirn bot. Der Gründer war Dom Helder Câmara, auch Erzbischof von Recife und Olinda und als einziger Brasilianer viermal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Es war eine Kirche des Volkes und der Hoffnung, sie war tätig in den Slums der Großstädte und in den Halbwüsten des Hinterlandes. Setzte sich ein für soziale Gerechtigkeit, förderte Programme für populäre Wohnungen und half den Ärmsten der Armen in zahlreichen Aktionen.

Heute ist es leider nur noch eine konservative Instituition, welche an veralteten Dogmen festhält und immer mehr die Basis verliert. Ausgerechnet der Nachfolger von Dom Helder Câmara in der Diozese Recife und Olinda gab dies traurige Beispiel an fehlender Sensibilität bei der Tragödie dieses aus armen Verhältnissen stammenden Kindes.

Vielleicht hilft diese Episode zu einer Umkehrung der Politik der katholischen Kirche in Brasilien. Die Sozialarbeit wird heute viel mehr von ONGs und Freikirchen praktiziert und wenn die Kirche sich nicht bald an die Befreiungstheologie von Dom Helder Câmara besinnt, werden die Gotteshäuser bald leer sein.

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2 Antworten auf “Das Dilemma der katholischen Kirche in Brasilien”

  1. Kristina sagt:

    Genau darüber haben wir letztens noch im Spanischkurs diskutiert.
    Unglaublich!!!

  2. Fritz Henze sagt:

    Es ist unglaublich, was die kathol. Kirche sich in Brasilien anmaßt. Ich bin froh, dass ich in Europa lebe und dass Menschen mutig im 30-jährigen Krieg gegen Kaiser und Kirche gekämpft haben. Einen Kaiser, der mit seiner marodierenden Reichsarmee gegen seine Bürger plündernd vorging. Eine Kirche, die für alles Absolution erteilte. Die Denkweise dieses Bischof von Pernumbuco passt in die Zeit von damals. Gott sei dank gibt es keinen geldhungrigen Kaiser mehr. Man müsste einen Massenaustritt aus der Kirche organisieren, und eine neue Kirche gründen und dann diese Bischöfe exkommunizieren.
    Der Artikel war wirklich lesenswert, auch wenn der Inhalt einem traurig stimmt.
    Fritz Henze
    P.S.Warum sind die Menschen so inkonsequent, weil sie trotzdem in die Kirche gehen?

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Der Autor:

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