Skurriler Tag auf dem Amt in Bolivien: Funkgeräte & Co.

Von viventura s 03.09.11 00:51

TastaturBehördengänge in Südamerika sind immer wieder eine ganz besondere Herausforderung. Mathias, viventura Büroleiter aus Santiago, schildert uns seine letzte skurrile Erfahrung in Bolivien: Die Aufgabe bestand darin, meinen abgelaufenen Führerschein zu verlängern. Prinzipiell eine einfache Sache. Prinzipiell eine einfache Sache, nur durch den Umstand erschwert, dass mein Lappen in Oruro ausgestellt wurde und ich mich für die Verlängerung in La Paz befand, 230km entfernt.

Erster Eindruck beim Betreten der "Policia de Transito", die zuständige Behörde: Ordnung und entgegen meinen Erwartungen wenig wartende Leute. Gute Voraussetzungen. Allerdings stellte sich heraus, dass meine Papiere in Oruro per Fernmeldung abgefragt werden mussten und dieses Procedere ein paar Tage in Anspruch nehmen würde. da ich nicht warten konnte, versuchte ich mir selbst zu helfen. Mir wurde freundlich angeboten zum Fernmeldeamt zu gehen, um die Datenfernabfrage selbst in Gang zu setzen...

Denkmal in Oruro

Denkmal in Oruro

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte! Vielleicht ein Fax Gerät? Ein Telefon? E-Mails? Nein! Ich betrat den Raum und ich sah einen Beamten hinter einem riesigen Funkgerät, mit denen man bis nach China funken könnte! Neben ihm lag eine immense Liste, wahrscheinlich mit den Frequenzen aller Fernmeldebüros jedes bolivianischen Ortes. Ich trug ihm mein Anliegen vor und tatsächlich: Er tat es. Er funkte Oruro an und beantragte die Bestätigung meiner Daten. Ich glaubte es noch nicht und fragte, ob es eine E-Mail nicht auch getan hätte.

Die Antwort lies auf sich warten und der Beamte funkte weiter in die Weiten Boliviens.
Meine persönliche Hitliste der skurrilsten Funkvorgänge:
- Es kam eine Oma und sandte Geburtstagsgrüße an ihren Enkel
- Nachrichten aller Art in 5000 Meter hoch gelegene Bergwerke
- Es wurde eine  Salzmine an der Grenze mit Chile angefunkt
- Funk an ein Dschungeldorf am Rio Beni, um nachzufragen ob die Wahlurnen schon da wären, die hätte man vor zwei Wochen mit den Boot geschickt...

Telefonzelle in Santa Cruz

Telefonzelle in Santa Cruz, Bolivien

Mir dämmerte langsam die Logik hinter, der auf den ersten Blick primitiven Kommunikationsprozedur! Der Großteil der Landesfläche verfügt über kein Telefon-, Internet- oder Handynetz und die  einzige sichere und schnelle Methode Nachrichten zu senden sind nach wie vor Funkgeräte. Ich Stadtmensch hatte schon wieder den Rest des Landes vergessen.

Die ersehnte Meldung aus Oruro für mich kam trotzdem nicht. Wenn ich mich aber an die Berge Papiere erinnere, die ich im Polizeiarchiv in Oruro einmal gesehen hatte, wundert es mich aber auch nicht, dass da niemand etwas schnell findet.

Fazit: Mein Behördengang war wieder einmal umsonst gewesen. Zumindest ist es diesmal nicht an Korruption oder fehlender Hilfsbereitschaft gescheitert und ich verbrachte ein paar sehr interessante Stunden beim Zuhören von Funkmeldungen.

Übrigens: Apropos Korruption, in Bolivien läuft gerade ein Preisausschreiben "El peor trámite de mi vida" in den man öffentlich (via Facebook, Funk und Fernhsehen) über seine "schlimmste Erfahrung bei einer Behörde" berichtet und dabei Schikanen aber auch Korruption im Amt an die Öffentlichkeit bringen kann. Die Aktion, die Teil einer Anti-Korruptionsstrategie der Regierung ist, wurde schon bei der UN gelobt und gibt Hoffnung auf Besserung.

Tags: La Paz, oruro, Führerschein, Funkgerät, Amt, Bolivien, Behörde, Kurioses, Verlängerung

Share
Weitere Artikel

Abonnieren