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Kolumbien: Reines Wort

01. Sep 2008Allgemein 8 Kommentare

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„Das Athen Südamerikas“…auf diesen Beinamen war Bogota lange stolz. Noch in den Siebzigern lernte jedes Schulkind während des Literaturunterrichts: „Bogota ist die südamerikanische Hauptstadt der Literatur, Poesie und schreibenden Kunst.“

In diesem stolzen Bewusstsein gingen wir (die Schüler dieser Jahrgänge) in die Welt, um festzustellen, dass dies nur auf eine kleine Zahl Bogotaner zutraf, die immer geringer wurde. Das rasante Wachstum der Stadt, von 2 Millionen auf 5 Millionen Einwohner in 50 Jahren, überrannte auch den Stellenwert der Kunst. Viele Theater wurden geschlossen, das Kino hielt siegreichen Einzug und der berühmte „Cuentero – Geschichtenerzähler“ verschwand ganz.

„Cuenteros“ – welcher Bogotano jener Tage, erinnert sich nicht an die sonnigen Nachmittage in den Parks, wo eine Menschenmenge gebannt den Erzählungen eines „Cuenteros“ lauschte. Fast im Stile eines Stand-up-Comedians fesselten sie das Interesse ihrer Zuhörer. Ihre Geschichten brachten die Mengen zum Lachen, weinen, staunen und immer zum Nachdenken. Regnete es, teilten die Zuhörer schnell Zeitungen oder Plastikplanen, aber keiner verließ den Ort.

Der Schuhputzer saß neben dem Geschäftsmann; die Mutter hielt ihrem Kind mal kurz die Ohren zu, wenn es zu schlüpfrig wurde; das junge Paar wurde rot, wenn der Cuentero alle auf das junge Glück aufmerksam machte; mancher Romeo stolz oder zornig, wenn die Schönheit seiner Dame angepriesen wurde…es zählte nicht wer Du warst, es zählte nur, dass Du dabei warst.

Ob Bogota jemals diesem Beinamen wieder gerecht werden wird, kann ich nicht beurteilen. Ich kann aber feststellen, dass Bogota sich alter Werte besinnt.

Mit der Wiedererstehung des Stadtviertels „La Candaleria“ kehrt auch das „Wort“ in die Gesellschaft zurück. In den restaurierten Kolonialhäuser der Candelaria zogen Theatergruppen ein. Anfangs als Auffangbecken für arbeitslose Literatur- und Philosophiestudenten belächelt, konnten ihre, der Zeit angepassten Interpretationen verstaubter Theaterstücke gefallen. Die in diesen Theatern veranstalteten Seminare und Werkstätten hatten bald den Ruf innovativ und kreativ zu sein.

Aber nicht nur in der „Candelaria“ gewannen die „Wortkünstler“ wieder an Boden. Auch die Nutzer der öffentlichen Busse erlebten die Rückkehr des „Wortes“. Immer öfter stiegen „Cuenteros“ zu, die für eine kleine Münze, mit ihren Kurzgeschichten die Fahrtzeiten verkürzten. Egal wie kurz oder humorvoll die Geschichten waren, sie alle hatten die kleine Botschaft, die den „Cuenteros“ wichtig ist und die dem Zuhörer über sich zu denken gibt.

Auf großer Ebene wachte die Stadt ebenso auf. Theaterfestivals wurden organisiert, die bald auch mit internationaler Teilnahme zählen konnte. Zu Gast waren auch schon deutsche, französische, japanische und chinesische Gruppen. Ebenso wurden internationale Musikfestivals und Artisten-Treffs organisiert. Heute finden im Schnitt alle zwei Monate Straßenparaden in Bogota statt, sogar die Bauerngemeinden der Dörfer rund herum veranstalten ihre Paraden mit kleinen artistischen und kulturellen Einlagen.

Wie schnell in Bogota solche Veranstaltungen organisiert werden können, zeigte sich anlässlich des Todes Fanny Mickeys vor einer Woche. Sie hatte die Theaterkultur in den letzten 20 Jahren vorangetrieben wie keine andere. Anstatt Trauer wünschte sie sich Tänze und Kulturveranstaltungen in der ganzen Stadt. Und so geschah es, auf den Hauptplätzen und -straßen Bogotas fanden drei Tage nach ihrem Tod Umzüge und Vorstellungen statt.

In den Parks des Stadtteils „Usaquen“ und am Brunnen „Quevedo“ in der Candelaria versammelten sich immer öfters „Cuenteros“. Wie vor 30 Jahren ziehen sie die Menschen wieder in ihren Bann, bringen Kinder und Erwachsene zum Lachen, schöne Mädchen in Verlegenheit und lassen ihre Zuhörer die Zeit vergessen.

Alles was sie dafür benötigen sind nur Worte…

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8 Antworten auf “Kolumbien: Reines Wort”

  1. Peter und Helga sagt:

    Lieber Miguel, wir freuen uns von dir wieder eine sehr menschliche Geschichte aus deiner Heimat zu lesen und es ist schön, dass diese Tradition nicht verloren ging. Einige deiner Landsleute wollten unser Geld vermehren, hat aber nicht ganz geklappt. Liebe Grüße von Peter und Helga

  2. anita heider sagt:

    lieber miguel,
    woltuend ,herzerfrischend, fein- und reinsprachig, wohlwortig.
    , wunderbar erzählend……….danke für deinen beitrag.
    morgen um 8 ..ein schöner tagesanfang.

  3. Osslita sagt:

    Lieber Miguelito, es war wie immer fesseld, Deine Ausführungen zu lesen. Wenn schon ich es nicht schaffe, endlich nach Kolumbien zu reisen, so schafft es eventuell unser Jonathan im Rahmen von „work & travel“. Tipps nimmt er gerne entgegen.
    Besitos
    Osslita

  4. Miguel sagt:

    Liebe Anita,

    vielen Dank für deine netten Worte. Sie ermutigen weiter zu machen und dir und allen Kolumbien- und Südamerika-Interessierten von meiner Heimat zu erzählen. Gibt es ein Thema, welches dich besonders interessiert und über das wir nach deiner Meinung schreiben sollten? Für den nächsten Newsletter sorgt Kolumbien mit dem Gericht des Monats für die kulinarische Note aus dem Halbkontinent. Irgend ein Gericht, dass dich interessiert? Sag jetzt bitte nicht „Arroz con Pollo“ 🙂
    Saludos

  5. Miguel sagt:

    Hola Osslita,

    das ist aber eine schöne Überraschung deinen Kommentar hier zu finden. Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich hoffe sehr, dass Jonathan her kommt. Vielleicht können seine Berichte ja seine Eltern mal auf den Weg nach Kolumbien bewegen. Z.Z. begleite ich Alex und Peter in Cartagena. Übermorgen ist dann diese viComfort-Tour leider zu Ende. Auf Tour wird mir immer wieder bewußt, wieviel dieses Land zu erzählen hat. Ich lerne immer dazu und lade Dich hiermit noch einmal herzlichst ein vor Ort, den „Cuentos“ Garcia Marquez und Landsleuten selber zu lauschen.

    Besos

  6. Miguel sagt:

    Lieber Peter, liebe Helga,

    das freut mich, dass ihr unseren Traditionen so die Daumen drückt. Nein, wir Kolumbianer erzählen zu gerne um diese Tradition aussterben zu lassen. Kolumbien wird noch lange ein Land der Geschichten, Fabeln und Mythen bleiben. Aber, was schreibt ihr denn da über Landsmänner, die euer Geld vermehren wollten? Das scheint mir eine Geschichte zu sein, die wirklich mal erzählt werden sollte.

    Liebe Grüße

  7. Sarita sagt:

    Hallo Miguel,
    dein Beitrag hat mir super gut gefallen. Ich war 2002 und 2007 in Kolumbien gewesen und unter anderem in Bogota. Künstlerisch hat sich dort wirklich viel getan und ich bin erstaunt, was in ein paar Jahren aus dieser Stadt geworden ist. Leider nicht überall, aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Ich würde mich freuen, wenn ihr mal einen Bericht über Ausländer in Kolumbien schreiben würdet und die Motive, warum, trotz der schwierigen politischen Situation, sie sich gerade für Kolumbien entschieden haben. Ich habe auch mal dort gelebt (Medellin) und ich weiß daher aus eigener Erfahrung, dass viele in meiner Umgebung dieses schwer oder kaum nachvollziehen konnten. Sollte ich jemals wieder für einen längeren Aufenthalt dort entscheiden, würde wohl meine Wahl dieses Mal auf Bogota fallen.
    LG, Sarita

  8. Miguel sagt:

    Hallo Sarita,

    es freut mich sehr, dass du meine Einschätzung über den Wandel in Bogota teilst. Der Trend ist eine Bewegung geworden und ich bin zuversichtlich, dass sie auch bald die Orte erreicht, in denen der Wandel noch nicht erkennbar ist.

    Dein Thema ist ein sehr interessantes. Ich denke es ist ein gutes Thema für den viventura kolumbien Blogg und werde auch dort estwas dazu schreiben. Der Vorteil an dem Blogg ist, dass auch andere ihre eigenen Erfahrungen beitragen können und so wird sicherlich auch ein sehr breites Meinungsfeld erreicht. Da könntest du z.B. auch darüber schreiben, warum du z.B. Bogota Medellin vorziehen würdest.

    Der Link zum viventura kolumbien Blog ist:
    http://blog.viventura.de/rubrik/kolumbien

    oder einfach das Button Kolumbien für den Länder-Blogg auf der rechten Seite im oberen Drittel dieser Seite anklicken.

    Ich verweise Dich auch gerne auf den Kolumbien Blogg : http://www.kolumbien-blog.com

    Hier kannst Du auch im Foren Beiträge zum Leben in Kolumbien finden.

    Da ich im Augenblick noch unterwegs bin, werde ich erst nächste Woche die Zeit finden, zu dem von Dir vorgeschlagenem Thema etwas zu schreiben.

    Saludos

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