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Straßenverkäufer bald Geschichte?

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Es passiert mir oft, wenn ich z.B. an einer Ampel warte und den Darstellern auf der Kreuzung bewundernd zu schaue. „Was für ein Könner!“, denke ich, „Der könnte in jedem guten Kabarett auftreten.“ Oder bei einigen Sängern und Sängerinnen, die im Bus mit ihrer Gitarre und Stimme eine Fahrt durch Bogota kurzweilig machen: „Dieter Bohlen und die Casting-Shows sollten lieber in einem öffentlichen Bus in Bogotá nach Talenten suchen!“

Der Erwartung dieser Artisten ist gering – außer dem Applaus noch genügend Geld um das Zimmer für heute und eine warme Mahlzeit bezahlen zu können.

Bogotas Strassen sind Arbeitsplätze für tausende. Ob in Bus oder an der Ampel, die Zahl der Menschen die hier ihren Lebensunterhalt verdienen wächst täglich. Ob sie mit ihren Kunststücken die rote Ampelphase verkürzen, als Ein-Mann-Unternehmen ihre Waren zwischen den wartenden Autos anbieten oder einfach nur die Fahrer um ein kleines Geld anbetteln … viele Menschen retten sich auf der Strasse vor der Arbeitslosigkeit und der Beschaffungskriminalität.

Das wissen die meisten Bogotaner auch und betrachten daher die Bettler, Verkäufer und Darsteller auf den Strassen als Mitspieler in der archaischen kolumbianischen Wirtschaft. Die amtlichen Statistiken führen diese Menschen dem zu Folge nicht als Arbeitslose sondern als in der informalen Wirtschaft Beschäftigte, was auch immer das heißen mag.

Das Leben dieser Menschen ist schwer, sie repräsentieren aber mit ihrem Lebensmut, ihrer Herzlichkeit und ihrem Ehren-Codex wesentliche kolumbianische Eigenarten. Es ist einfach mit ihnen in´s Gespräch zu kommen. So habe ich auch Leonardo kennen gelernt, der an der Ecke 19 mit 134 seiner Arbeit nach geht und bei Wind und Wetter Schnürsenkel und Maní – Erdnüsse verkauft.

Er ist ein sehr fleißiger Mann, verpasst kaum eine Ampelphase, läuft täglich sicher gute 3 KM zwischen den Autos auf und ab. Trotzdem hat er Zeit mit mir zu sprechen, mir aus seinem Leben zu erzählen und in die Geheimnisse seiner Ecke einzuweisen. Das macht er so gut, dass er nun der Guide bei unseren Kolumbien verstehen Touren sein wird, und mit unseren Teilnehmern ein paar Stunden seines Tages teilt.

Leonardo ist die Qualität seiner Ware sehr wichtig. Er weiß, dass ein unzufriedener Kunde in viele Geschäfte kosten kann, vor allem wenn es ein Taxifahrer ist. Den Rat eines Taxifahrers „Kaufe kein Maní in der 19 mit 134“ fürchtet er mehr als die Polizeikontrollen. Diese kosten ihn schon mal seine ganze Ware, wenn alles beschlagnahmt wird. Wenn das passiert bleibt Leonardo nicht viel mehr übrig, als sich Geld für neue Ware zu leihen. Beim „Gota a Gota“ – „Tropfen für Tropfen“ wie die „Geldgeber“ der Straßenverkäufer genannt werden. Ohne Vorbedingungen, aber zu entsprechenden Zinssätzen verleihen sie Geld, welches dann gota a gota, Tropfen für Tropfen zurück gezahlt wird. Leonardo lässt nichts auf seinen „Gota a Gota“ kommen, trotz der gut 2.000 EUR Schulden, die er angehäuft hat. Der Gota a Gota hilft immer.

Ob er gegen die neue Bedrohung helfen kann, die über Leonardo und seinen Kollegen an der Ecke 19/134 und all den anderen Ecken Bogotas schwebt? Die neue Straßenverkehrsordnung sieht vor, jeden Verkehrsteilnehmer, der an einer Ampel oder im Umkreis von 200m davon kauft oder Almosen gibt (dazu zählt auch das geringe Honorar für die Akrobaten oder Sänger) mit einem Bußgeld von umgerechnet 170 EUR zu bestrafen.

Kein Mensch weiß, was dieses Gesetz in einer Straßenverkehrsordnung zu suchen hat. Kein Mensch in Bogota würde auf den Gedanken kommen behaupten zu wollen, dass Straßenhändler oder Bettler irgendetwas mit den chronischen Staus auf Bogotas Hauptverkehrswegen zu tun hätten. Für die Stau geplagten Bogotaner sind diese Menschen eine willkommene Ablenkung während der Wartezeiten und oftmals die Möglichkeit sich noch mit Blumen, Geschenken oder auch Schnürsenkel in aller letzter Minute ein zu decken.

Es regt sich Widerstand gegen dieses Gesetz. Die politischen Parteien in Bogotá rufen den Präsidenten auf, die reformierte Straßenverkehrsordnung so nicht zu unterschreiben und machen auf das Recht auf Arbeit aufmerksam.

Ich hoffe sehr, dass nun im Jubel um die Befreiung Ingrids, der drei Amerikaner und 11 weiterer Geiseln, der Widerstand gegen das vorliegende Gesetz nicht untergeht.

Aber von Leonardo lernen heißt Zuversicht haben und immer nach vorne schauen

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3 Antworten auf “Straßenverkäufer bald Geschichte?”

  1. Auch in Österreich wurde gestern Abend im Fernsehen über die Befreiungsaktion von Ingrid Betancourt berichtet. Heute ist „Ingrid“ sogar auf der Hauptseite einer großen Tageszeitung. Ich freue mich natürlich auch sehr. Aber das Problem mit der FARC ist dadurch noch nicht beendet. Ich hoffe, die restlichen Geiseln kommen auch bald frei. Ich war voriges Jahr drei Monate in Kolumbien. Die Straßenverkäufer gibt es auch in Medellin und Cali. Solange die sozialen Probleme nicht gelöst sind, sollte man diesen Leuten ihr Geschäft ausüben lassen. Die Einrichtungen für Straßenkinder sind voll. Wir – aus EUROPA – sollten da mehr helfen.
    Liebe Grüße aus Wien, Josef

  2. Miguel sagt:

    Hallo Josef,

    auch Dir vielen Dank dafür, dass Du Dich mit den Kolumbianer freuen kannst.

    Du hast vollkommen recht, wenn Du erinnerst, dass Kolumbien noch viele Aufgaben hat um einen sozialen Frieden im Lande zu erreichen.

    Die FARC bieten keine Lösungen für die zu bewältigenden Probleme und wollen sich (noch) nicht bei den notwendigen Prozessen einbinden. Vielmehr sind sie ein Teil des Problems geworden, denn die Ausgaben für Sicherheit sind enorm in Kolumbien und könnten sicherlich an anderer Stelle sinnvoll angewendet werden.

    Wenn Europa sich hinter den Staat Kolumbien stellt, ist das eine große Hilfe. Ohne eine internationale Bühne und Solidarität werden sie hoffentlich schneller einsehen, dass sie Veränderungen nicht mit Waffengewalt durch setzen können.

    Herzliche Grüße aus Bogota

    Miguel

  3. Petra Neubüser sagt:

    Hallo Miguel,
    zuerst einmal einen Gruß an Nicole. Freue mich, dass es Euch hoffentlich nocht gut geht.
    Ja, ich fand diesen Artikel schon sehr interessant und denke dabei auch an unsere Reisen nach Bolivien und Peru, wo wir gleiches erlebt haben.
    Im kommenden Jahr steht dann Kolumbien auf dem Programm, ich freue mich schon, Euch zu sehen.
    Solange lese ich erst einmal Euere sehr interessanten Artikel.
    Schönen Tag noch
    Gruß aus dem regnerischen Hamburg
    Petra

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