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Kolumbianer unterwegs – eine Sache der Familie

28. Sep 2008Allgemein 7 Kommentare

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Es mag an dem reichen Angebot unserer Heimat oder an der uns eigenen Neugierde liegen: Wir Kolumbianer reisen gerne. Es gibt kein verlängertes Wochenende, an dem die Städter nicht auf´s Land fahren. Daran ist sicher nichts ungewöhnlich. Doch die kolumbianische Dimension ist es, aus einem Ausflug ein Familienereignis zu machen. Daraus folgt, dass sich ein echter Kolumbianer nicht einfach in ein Fahrzeug setzt und über das Wochenende oder gar in den Urlaub fährt. Nein, es gilt erst einmal der Familie Tschüss zu sagen.

Die Familie – darunter verstehen wir zunächst die Großeltern, denn sie sind die Anlauf- und Informationsstelle für Geschwister, Kinder, Neffen, Tanten und Onkeln, Enkelkindern und wer auch sonst noch zum Familienkreis zählt.

Der Zeitplan der Reise eines Kolumbianers kennt drei kritische Momente:

1. Erste Abfahrt: Ich erinnere mich gerne an die Reisen mit meinen Eltern und Geschwistern. Nach dem Frühstück und dem Verstauen des Gepäcks, fuhr mein Vater erst einmal ein paar Runden um den Block. Es galt Bremsen und Motor zu testen. In der Zwischenzeit war die Nachbarin darauf aufmerksam geworden, dass wir verreisen würden und so stand sie bald im Morgenrock vor der Tür, Lockenwickler in den Haaren und Kaffeetasse in der Hand. „Wohin geht es denn?“ gefolgt von einem „Fahrt ruhig, ich passe schon auf, dass bei Euch nichts passiert!“ Das ganze in einer Lautstärke, dass jeder Passant in 20 m Umkreis nun wusste, dass unser Haus für die nächsten Tage sturmfreie Bude war. Es folgte dann ein detaillierter Bericht, wer aus der Nachbarschaft ebenfalls verreist sei und wohin. So viel Kommunikationsfreude hatte Folgen – meine gleichaltrigen Freunde und ich schworen uns, unter keinen Umständen die Tochter der Nachbarin zu heiraten. Endlich: Alle Aufsitzen und erster Versuch los zu fahren, der aber grundsätzlich nach ein paar hundert Meter endete, weil irgend jemand auf Toilette musste.

2. Zweite Abfahrt: Endlich bei Oma angekommen, war dort schon die halbe Familie. Alle vertreten: der Onkel, der schon die Polizei rufen wollte, weil mein Vater sonst immer so pünktlich war und der andere, der sich sicher war, dass unser Auto – immerhin ein alter ´54er Pontiac – zusammen gebrochen sei. Er hätte es meinem Vater ja schon immer prophezeit. Auch die Tante mit den Küssen durfte bei solchen Anlässen nicht fehlen. Durch diese feuchten Schmatzer sollten wir sie während dieser langen Zeit eines Wochenendes nicht vergessen. Also wurde heute der Lippenstift besonders dick aufgetragen und per Kuss verteilt. Nun waren wir die „reisenden Cendales in Kriegsbemalung“. Oma hatte natürlich eine „kleine“ Wegzerrung vorbereitet und so saßen wir erst mal noch in Bogota bei Tamales, frischem Saft, Omas Spiegeleiern… . Alles musste weg. Der Duft von Omas Leckereien schien die restliche Familie zusammen gerufen zu haben. Während die Erwachsenen also noch beim zweiten Frühstück über Zustand der Straßen und Neuigkeiten von den Familien sprachen, versuchten wir Kinder uns die Küsse der Tante aus dem Gesicht zu waschen. Was auch mit viel Wasser und reiben auch manchmal gelang; leider aber nur die Tante zu mehr Sorgfalt veranlasste, uns den ultimativ 3 Tage haftenden Kuss zu verpassen. Während Tante sich dafür zurecht schminkte, musste mein Vater erst einmal umpacken. Es war nun auch der Nachbar meiner Oma erschienen, der im letzten Augenblick seiner Familie auf dem Land immer noch eine „Kleinigkeit“ mit uns schickte. Wir dachten immer, er würde uns die Erbschaft anvertrauen, denn der Kofferraum reichte nie aus. Doch auch beim x-ten Kurierdienst waren die „Kleinigkeiten“ immer noch Kofferraum füllend. Dann ging es endlich los, alle standen an der Straße Spalier, winkten und segneten unsere Reise mit Wünschen und … meine Tante mit Küssen. Unterwegs, kleiner Trost, begegneten wir anderen Familien, die sich anscheinend auch gerade von ihren Familien verabschiedet hatten. Zumindest fuhren sie auch aus der Stadt und hatten das Fahrzeuginnere voll mit Gepäck. Große Genugtuung bereitete es meinem Bruder und mir, wenn wir in den anderen Fahrzeugen Jungs sahen, die einen dicken und knalligen Kussmund auf den Wangen trugen.

3. Die Rückkehr: Auch jetzt ging es wieder zu Oma, damit auch alle wussten, dass wir gesund zurück gekehrt waren. Oma war immer der Meinung, dass wir seit ihrem Abschiedsfrühstück nichts mehr zu essen bekommen hatten, zu mindestens nichts Gescheites und hatte natürlich den ganzen Tag hinterm Herd verbracht um unser Willkommensmahl zu bereiten. Dessen Duft hatte auch wieder die Familie angelockt und so waren sie wieder alle da. Der Onkel, der sich schon Gedanken machte, dass wir bestimmt wegen eines Erdrutsches nicht weiterkamen, ebenso der, der unseren alten ´54 Pontiac rauchend an einer Kurve seinen Dienst quittieren sah. Und natürlich meine Tante, die uns ihre Wiedersehensfreude per buntem Kuss auf die Wange tätowieren wollte. Nachdem wir auch Omas Nachbarn alle Päckchen übergeben hatten, die seine Familie uns für ihn mitgegeben hatte, war eine weitere Reise fast wieder zu Ende. Fast, weil ja noch die Nachbarin ausstand.

Wenn ich heute am Flughafen stehe, muss ich immer an diese Reisen denken. Der gute Kurs des Pesos erlaubt es nun immer mehr Kolumbianern zu fliegen und gar ihren Urlaub im Ausland zu verbringen. Das ist eine andere Qualität, als es unsere Reisen in unserem alten Pontiac auf den damals fast kaum gepflasterten Straßen Kolumbiens waren. Aber Reisen ist immer noch ein Familienereignis und so stehen am Flughafen heute ganze Generationen einer Familie um ihre Lieben unter Tränen und Umarmungen zu verabschieden oder mit Plakaten, Pauken und Trompeten zu begrüßen. Schmunzelnd erkenne ich dann immer die verschiedenen Charaktere: der Onkel, der sich ganz sicher ist, dass 34-E ein Fenster-Platz in der Business-Class ist, oder zumindest ganz nahe dran; die Tante, die schon 2 Stunden vor Abflug meint, der Flug sei schon weg. Ein weiterer Verwandter gibt entscheidende Tipps, wie den, dass die Amerikaner ja nur Englisch könnten und man daher ganz deutlich und langsam Spanisch mit ihnen reden sollte. Damit es auch jedem klar ist, macht er es auch ganz deutlich vor.

Natürlich muss jeder Kolumbianer seinen Koffer vor den Check-In Schaltern noch ein paar Mal umpacken, denn der ist erstens zu schwer und dann müssen ja noch die Sachen mit, die ein Bekannter im letzten Augenblick an den Flughafen bringt, mit der Bitte es irgendeinem seiner Verwandten in Miami zu geben. Oma traut dem faden Essen der Amis auch nicht und so müssen noch irgendwo ihre mit Liebe gemachten Tamales verpackt werden. Eine Woche Ausland – da kann auch Tante wirklich nicht am Lippenstift für den Abschiedskuss sparen. Noch vor der sicheren Passkontrolle erwischt sie ihre, sich tapfer wehrenden Neffen und Nichten.

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7 Antworten auf “Kolumbianer unterwegs – eine Sache der Familie”

  1. Peter Graf sagt:

    Hola Miguel,
    que tal?
    Ja, so erinnere ich mich an eine Woche in Bogota mit Verwandte besuchen und essen und trinken und eben leben.
    Liebe Grüsse Peter aus Effretikon

  2. Kristina sagt:

    Das ist total genial geschrieben. DANKE für diesen Artikel :o) Ich habe gut gelacht!

  3. Andre sagt:

    Ich kann mich Kristina nur anschließen, ich muss auch kräftig lachen beim Lesen des Artikels und habe das eine oder andere schon selbst hier miterlebt in Kolumbien…

  4. Miguel sagt:

    Hallo Kristina, hallo Andre,

    vielen Dank für eure netten Worte. Auch ich hatte meinen Spaß beim Schreiben. Das kommt auch nicht von ungefähr: Die Kolumbianer nehmen fast alles mit Humor und so gibt auch das Reisen durch dieses Land viele Erinnerungen, die zumindest zu einem breiten Lächeln verleiten. „de oreja a oreja … von Ohr zu Ohr“ sonst zählt ein Lächeln in Kolumbien wenig.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr oder weitere Leser ihre Anekdoten beim Reisen, nicht nur durch Südamerika, im Blogg mitteilen würden. Da kommt bestimmt einiges Zusammen, was für mehrere „de oreja a oreja“ reicht.

    Saludos

  5. Nicole sagt:

    Ein sehr schöner Artikel, Herr Cee! Ich habe auch viel gelacht 🙂
    Frau Bee

  6. Miguel sagt:

    Grüzzi Peter, ja du hast ja noch das volle Programm mit Hochzeit bekommen. Anscheinend alles gut überstanden, oder? 🙂
    Liebe Grüße nach Effretikon

  7. Miguel sagt:

    Danke Frau Bee! Hast ja gelernt: nimm Dich vor den küssenden Tanten in acht!

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