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Erfahrungsbericht zum Erdbeben in Chile

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http://www.flickr.com/photos/11268615@N00/4392683046/Zum Zeitpunkt des schweren Erdbebens um kurz nach 3.30 Uhr nachts am Samstag, den 27. Februar habe ich in meiner Wohnung geschlafen.

Ich bin sehr glücklich, dass ich in der Lage bin diesen Artikel zu schreiben. All meine Bekannten, d. h. meine Kollegen in Chile, unsere Reisegruppe in Santiago, die Freiwilligenarbeiter und alle aus unserem Sozialprojekt in Santiago sind mit dem Schrecken davon gekommen. Es geht uns allen gut. Das sollte vorneweg erwähnt werden.

Im Foto: Schäden des Erdbebens in Santiago
Autor: pviojo, flickr

Am Freitag Abend war ich ausnahmsweise früh zu Bett gegangen. Ich wohne im Zentrum Santiagos im 13.Stock eines der vielen Hochhäuser. An leichte Beben habe ich mich die letzten Jahre über gewöhnt. Diese Beben haben mich im 13.Stock zwar stets beunruhigt, aber ich hatte mich zum einen daran gewöhnt, dass sie schnell aufhörten, zum anderen mir bewusst gemacht, dass es gut sei, wenn sich der Druck auf den tektonischen Platten, die sich vor Chile übereinander schieben, so nicht aufstaut.

Ich kann nicht sagen, ob ich in der Nacht durch das Beben wach wurde oder durch das heftige Klopfen meiner Mitbewohnerin an meiner Zimmertür. Auf alle Fälle habe ich sehr schnell realisiert, dass dies keines der üblichen Beben war. Nachdem ich aufgesprungen war, sah ich wie der Rahmen des Bildes über meinem Bett in schnellen Abständen Schwung holte und kräftig gegen die Wand schepperte.

Ich dachte sofort, dass dies das schwere Erdbeben sei, welches fällig und schon von uns erwartet war. Nach 1960 und 1985 hatte man uns seit 2005 unregelmäßig vor dem großen Erdbeben, das alle 20 Jahre auftritt, gewarnt. Nun war es in den letzten Wochen ungewöhnlich ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm, wie wir auch bereits sarkastisch bemerkt hatten.

Das Erdbeben fühlte sich an als ob die Erde von einer unbekannten Kraft komplett durchgeschüttelt wird. Normalerweise schwankt das Gebäude, dieses Mal wurden wir (zu unserem Glück?) durchgeschüttelt. Der Krach von schepperndem Glas tat sein übriges zur Situation dazu, nahm ich aber nur unbewusst wahr. Wir konnten uns kurzzeitig kaum auf den Beinen halten, mussten uns an der Flurwand abstützen. Als Beschreibung kam mir im Nachhinein das Bild von Captain Kirk und seiner Enterprise-Mannschaft in den Sinn wie sie in Kampfszenen auf der Kommandobrücke durch die Stöße hin- und herwanken.

Ob es richtig war, dass wir sofort ins Treppenhaus gestürmt sind, weiß ich nicht. Ich war nur froh, dass wir die Wohnungstür aufbekamen und sie nicht verklemmt war. Der Strom war zu diesem Zeitpunkt bereits weg, das Notstromlicht im Treppenhaus erlosch ebenso, nachdem wir bereits zwei, drei Stockwerke Hand in Hand nach unten gerannt waren. Nicht viel später hörte das Beben auf. Aus den Nachrichten erfuhr ich später, dass es wohl rund zwei Minuten gedauert hatte. Wir hörten wie etwas auf dem Boden zersprang. In der Finsternis wurde mir so erst bewusst, dass wir barfuß und nur mit dem Schlafanzug bekleidet waren.

Wenn ein Erdbeben erstmal Ruhe gegeben hat, dann herrscht auch erstmal Ruhe – für wenigstens ein paar Minuten. Ich hatte von starken Nachbeben gehört, die man in einer solchen Situation in den nächsten 15 bis 60 Minuten zu erwarten hatte. Also drehten wir um, liefen in unsere Wohnung zurück. Dabei fiel mir auf, dass erstaunlich wenig andere Hausbewohner im Treppenhaus waren. Wir zogen uns schnell etwas über, ich nahm meine Taschenlampe und wir rannten dann herunter ins Erdgeschoss. Im Treppenhaus sahen wir eine alte Frau mit ihrem Hund, die sich mühsam die Treppe hinabbewegte und unentwegt nach „Díos“, nach Gott, rief.

Gemeinsam mit vielen anderen Mitbewohnern standen wir schließlich vor unserem Hochhaus. Obwohl das Gerücht die Runde machte, dass ein Balkon heruntergebrochen war, konnten wir bis auf Schäden an der Fassade nichts ausmachen. Natürlich war unsere Anspannung hoch, zu sehr hatten wir den Schreck des Bebens noch in den Knochen. Aber es fühlte sich gut an, draußen auf festem und inzwischen ruhigem Boden zu stehen. Da bei Beben oftmals herunterstürzende Gegenstände oder Fassadenbrocken Ursache für Verletzungen sind, beschlossen wir zum nahegelegen Santa Lucia-Hügel zu gehen, um vor Nachbeben inmitten der Hochhäuser des Zentrums geschützt zu sein.

http://www.flickr.com/photos/pviojoenchile/4391910531/

Autor: pviojo, flickr

Bemerkenswert war die Anzahl der Autos, die bereits auf der Straße fuhren. Ich fragte mich, wohin ich wohl mit dem Auto fahren würde und ob manche nicht einfach aus Panik losgefahren waren. Leider hörte man später auch von Autounfällen.

Am Santa Lucía kamen uns viele junge Menschen entgegen, die sich von verschiedenen Wochenend-Parties auf den Weg nachhause gemacht hatten. Verletzte sahen wir überhaupt nicht. Auch von den beiden starken Nachbeben innerhalb der ersten Stunde bekamen wir nichts mit. Nachdem Santiago fast komplett aus Alleen besteht, sahen wir lediglich umgestürzte Bäume und Scherben von kaputten Fensterscheiben.

Um 5 Uhr erkannten wir, dass unser Gebäude wieder Strom haben musste. Teilweise sind heute noch nicht alle Stadtviertel mit Strom versorgt, ich glaube wir hatten das Glück, dass wir neben zwei Krankenhäusern wohnen. Um 5.30 Uhr trauten wir uns schließlich wieder unsere 13 Stockwerke nach oben. In unserer Wohnung war der Putz an verschiedenen Stellen abgeplatzt (siehe drittes Bild) und es lagen ein paar zerbrochene Flaschen am Küchenboden. Unglaublich wie gering die Schäden in unserer Wohnung ausgefallen waren. Wir hatten nicht nur Strom, sondern auch Internet. Nachdem das Telefonnetz nicht funktionierte, konnte wir unsere Familien über das Internet per SMS kontaktieren. Mitarbeiter in Buenos Aires und Berlin waren zu dieser Zeit bereits online und so erfuhr ich über diesen Umweg, dass es meinen Kollegen in Santiago gut ging.

Wohnzimmerdecke nach Erdbeben

Meine Wohnzimmerdecke nach dem Erdbeben

Aufgrund der -wenn auch nur leichten- Nachbeben konnte ich nicht schlafen. Ich lief durch Santiago und sah vor allem Scherben und Fassadenstücke, die auf der Straße lagen. Alle Hochhäuser standen noch. Mir wurde bewusst, wie glimpflich wir davon gekommen waren. Käme heute, nur zwei Tage nach dem Beben, jemand in das Zentrum von Santiago, gäbe es wenig Anzeichen dieses schweren Unglücks. Nur die langen Menschenschlangen an Tankstellen, Geldautomaten und Supermärkten wiesen am Sonntag auf die außergewöhnliche Situation hin.

Wegen der ständigen Nachbeben und der Risse im Putz, sowohl im Büro wie auch zuhause, sind wir immer noch in Hab-Acht-Stellung. Der große Schrecken ist aber überwunden, weicht der Erleichterung und der Betroffenheit gegenüber denjenigen, die in Santiago vereinzelt, vor allem aber südlich der Hauptstadt an der Westküste ihr Hab und Gut verloren haben.

Für uns geht es erstmal an die Arbeit, denn wir haben unsere drei viventura Reisegruppen in Chile zu betreuen. Zwei dieser Gruppen befanden sich zum Zeitpunkt des Erdbebens im Norden, in der Atacama-Wüste. Einen sichereren Ort gab es kaum. Es ist nun unsere Aufgabe sie möglichst bald wieder in die Spur der Originalroute zu bringen. Kein leichtes Unterfangen, da die nationalen Flughäfen wohl bis einschließlich kommenden Samstag nicht normal operieren werden. Gleichzeitig will uns unsere Erfahrung überzeugen, dass wir nun für die kommenden 20 Jahre bis auf die üblichen leichten Beben wieder Ruhe haben.

Bis unsere viventura Touren normal laufen, werden wir täglich, und sei es nur kurz, hier im Blog informieren.

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9 Antworten auf “Erfahrungsbericht zum Erdbeben in Chile”

  1. Hendrik sagt:

    In der spanischen Zeitung „El País“ findet sich ein Foto-Stream. Zwischen den schlimmen Bildern der Katastrophe befinden sich einige vergleichsweise harmlose Fotos – aus Santiago.

    Ich vermute, dass ein Fotograf in meinem Hochhaus wohnt – fast ganz am Ende sieht man einen Jungen mit einem Laptop auf dem Schoß. Das war in unserer Wohnanlage, just nach dem Beben. Ich muss eigentlich direkt neben dem Fotografen gestanden haben. Mit dem Blick auf den Laptop, meinte ich noch zu meiner Mitbewohnerin, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre meinen Computer zu retten. Der Junge spielte übrigens Schach.

    Die darauffolgenden Impressionen sind bis auf das direkt folgende Valparaíso-Bild ebenso aus der Nachbarschaft:
    http://www.elpais.com/fotogaleria/Fuerte/terremoto/Chile/elpgal/20100227elpepuint_1/Zes/
    Schneller finden sich die Bilder, wenn man rückwärts sucht: Der Platz auf dem drittletzten Bild ist schräg gegenüber meines Hochhauses, das Laptop-Bild ist fünf Bilder weiter zurück.

  2. Anke sagt:

    Hallo Hendrik, danke für den interessanten „Livebericht“. Zum Glück habe ich in meiner Zeit in Südamerika nie ein schlimmes Erdbeben mitbekommen und einige leichte Beben nachts in Arequipa einfach verschlafen. Echt toll, dass es euch allen gut geht! Sonnige Grüße, Anke

  3. Ulf sagt:

    Hallo Hendrik,

    schön zu Lesen das euch nichts passiert ist und vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht und die entsprechenden Links.

    Ich hoffe das man schnell in Chile wieder zur Normalität übergehen kann um dieses schrecklicke Ereignis vergessen zu machen.

  4. Malena sagt:

    Zu einer meiner stärksten Erinnerungen an meine Kindheit gehört das Erdbeben HEUTE vor 25 Jahren in Chile. Ich war dabei mit einer Freundin Panchita Mandel von einem Baum zu pflücken, ich befand mich ca. 2m über der Erde als es plötzlich anfing tierisch zu wackeln. Ich sehe heute noch, wie sich die Erde unter mir auf- und zuklappt, ungefähr 20-30 cm.
    Ein Nachbar sah uns Kinder und packe nd links und rechts unterm Arm um uns in Sicherheit zu bringen. Während wir in seinem Garten engumschlungen zusammen standen und seine Frau hysterisch nach ihrer Mutter rief, die sich noch im Haus befand, galt meine einzige Sorge einem neuen blauen Fahrrad, welches mein Freund Seba achtlos auf den Boden geworfen hatte, um sich am nächsten Baum festhalten zu können…

    Ganz anders fühlt sich das Erdbeben am Samstag an. Ganz andere Sorgen hatte ich diesmal. Alleine mit meiner zweijährigen Tochter erlebten wir, wie sich das ganz Haus bewegte, hörten und sahen wie Regale umstürzten und Glasscherben klirrten. Nicht zu beschreiben ist das Gefühl, für Stunden nicht zu wissen, wie es seine Angehörigen und Freunden geht.

    Auch um dich Heni habe ich mir Sorgen gemacht, da oben in deinem 13. Stock!

    Nun sind ein paar Tage vergangen, für mich hat das „normale“ Leben wieder angefangen, wären da nicht die Tatsachen das ich daheim weder Gas zum kochen oder warm duschen habe und das Telefon und die Internetverbindung noch nicht funktionieren, unser Bürogebäude große Risse aufweist und sich die Nachrichten und Gespräche mit anderen fast ausschließlich um die Situation im Land handeln.

    Dies trifft allerdings nicht auf viele, viele Menschen in Chile zu. Viele sind noch auf der Suche nach Angehörigen, haben alles verloren und sehen statt wie ich mein Laptop oder das Gesicht meiner Eva, nur Verwüstung, Besorgnis und Trauer um sich.
    http://visozial.org/2010/03/erdbeben-spenden-chile/

    Liebe Grüsse! Malena

  5. Caro sagt:

    Oh mann, das klingt echt alles schrecklich. Wenn ich zu dem Zeitpunkt noch in Chile gewesen wäre, hätte ich mich beim Beben wahrscheinlich auch im 15. Stock befunden!! Queeee miedo!!!

    Bin nur froh, dass es euch allen gut geht!!!

    Fuerza y ánimo en todo!!
    Abrazos, Caro

  6. Miguel sagt:

    Hendrik, Malena,

    es freut mich zu wissen, dass ihr wohlauf seid. Danke, dass ihr eure Erfahrungen mit uns teilt, auch wenn es jetzt sicherlich dringendere Aufgaben für euch gibt. Gutes Gelingen dabei, aus euren Berichten erkenne ich, dass ihr sicher noch einige Zeit braucht, bis alles „verdaut“ ist.

    Aus Bogota: fuerza y ánimo
    Miguel

  7. Rolf Stuedemann sagt:

    Bei diesem ansonsten interessanten Bericht fehlt
    doch einiges sehr wichtiges:
    Strom- und Wasserausfall in verschieden Stadtteilen Santiago’s auch heute noch, sehr viel zusammengebrochene Häuser und auch Hochhäuser und,vor allen Dingen, die Probleme in der Stadt Concepción sowie in den Nachbarstäten – ca. 470 km südlich von Santiago.
    Gerada dort ist es am schlimmsten gewesen und dort
    gab es auch einen sehr starken Tsunami.

    Ausserdem wurden dort Supermärkte ausgeraubt.

  8. Hendrik sagt:

    Hallo Rolf,
    danke für die Anmerkungen.
    Zur Erläuterung: Mein Augenmerk lag auf meinen eigenen Erfahrungen in Santiago. Dass es in Concepción anders aussieht, erwähne ich zum einen kurz („vor allem aber südlich der Hauptstadt an der Westküste“), zum anderen wird dies meiner Meinung in den Medien ausreichend dargestellt.
    Sehr viele Hochhäuser sind in Santiago nicht zusammengebrochen. Ich weiß von einem Hochhaus, ein paar wenige weitere Hochäuser sind evakuiert. Außerdem sind einige baufällige Gebäude eingestürzt. Wenn ich jedoch aus meinem Zimmer sehe, blicke ich weiterhin auf das verbaute Zentrums Santiagos. Hier sind zum Glück alle Hochhäuser stehen geblieben.
    Übrigens, dein Hinweis zum Strom kommt in meinem Artikel vor („Teilweise sind heute noch nicht alle Stadtviertel mit Strom versorgt, ich glaube wir hatten das Glück,…“).
    Viele Grüße – auch nach Chile?
    Hendrik

  9. Conny sagt:

    Ich war im letzten Jahr auch in Chile und wenn ich das so lese, dann bin ich froh, dass ich zu dem Zeitpunkt des Erdbebens nicht dort war. Das ist alles so schrecklich und etwas, was der Mensch nicht braucht.

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Der Autor:

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