Südamerika Blog von Viventura

Wie die Alpakas Ecuadors Natur retteten

Geschrieben von Kaya | 06.09.18 10:43

Alpakas sind weiche Wesen mit riesigen braunen Augen, die wie auch Delfine eine geradezu magische Anziehungskraft auf Menschen auszuüben scheinen. 

Ganze Galerien der gutmütigen Tiere findet man zur Zeit im Internet, die Bilder von den süßesten Alpakafohlen oder den lustigsten Frisuren der Alpakas werden durch jede Altersklasse hindurch gereicht. Für die meisten Leute sind diese virtuellen Begegnungen und die Wunschvorstellung davon, einmal die Hände in deren weichen Haaren zu vergraben (und nie wieder loszulassen) die einzige Idee, die sie von den Alpakas erlangen.   

 

Einmal Knuddeln mit Alpakas: Davon träumen wohl viele Menschen, wenn sie das Wort "Alpaka" hören! Dabei waren Alpakas nicht immer domestiziert und sind keine Kuscheltiere...

 

Wenn man nach dem Nutzen von Alpakas fragt, lautet die Antwort hierzulande einstimmig: Wolle. Der ein oder andere wirft ein, dass man Alpakas bestimmt auch essen könne. Stimmt. Kann man. In Europa werden Alpakas aber vorwiegend wegen ihres Vlies gezüchtet, außerdem kommen sie als Therapietiere zum Einsatz. Immer mehr Menschen streunen durch die Felder, Wiesen und Berge des Landes mit einem Alpaka an ihrer Seite, Stichwort Alpakawanderung oder Alpaka Hiking. Was aber haben Alpakas mit Umweltschutz zu tun? Die Antwort ist: Viel mehr, als man denkt.

Woher kommen die Alpakazüchter?

Die Bewohner der Andenländer Peru, Ecuador und Bolivien leben bereits seit Jahrtausenden mit Vikunjas, Alpakas und Lamas zusammen. Um von ihrer Wolle und ihrem Fleisch zu profitieren, begannen die Menschen in Peru erst das Alpaka, gezüchtet aus den Vikunjas, und dann die weiteren Kameliden wie Lamas (abstammend vom Guanako) als Nutztiere zu domestizieren. 

 

Ein Alpakahirte mit zwei seiner Alpakas am Chimborazo-Vulkan. Die Arbeit eines Alpakahirten beruht auf jahrhundertalter Tradition in den Andenländern, geriet aber lange in Vergessenheit.

 

Mit der Eroberung Südamerikas durch die Spanier wurden vor allem die Alpakas in den ecuadorianischen Anden fast bis zum Aussterben ausgerottet und durch Schafe ersetzt. Die durch die Arbeit der indigenen Bevölkerung entstandenen Strickprodukte wurden bis nach Spanien verkauft, die Einführung des neuen intensiven Produktionssystems führte jedoch zu gravierenden Veränderungen der Flora und Fauna vor Ort.

Alpakas sind die besseren Andenschafe

Bis zum Ende der Neunziger Jahre besaßen die Bewohner der ecuadorianischen Anden weit mehr Schafe als Alpakas. Arme Familien besaßen um die 80 Schafe, reichere Familien bis zu 800. Während die Schafe zu Zeiten der spanischen Kolonialzeit ein ertragreiches Geschäft waren, sank der Wollpreis in den Neunziger Jahren rapide.

 

Eine schöne Kulisse mit spannender Geschichte: Schafe knapp unter der Schutzzone vor dem Chimborazo Vulkan im Jahr 2018.

 

Heute ist die gesamte Wolle eines Schafes in den Anden nur noch rund 30 Dollar wert. Zum Vergleich: Die gesamte "Wolle" eines Alpakas hat vor Ort einen Wert von bis zu 800 Dollar. Alpakafaser hat außerdem den Vorteil, dass sie sich nicht verformt, kaum elektrisiert und leichter zu reinigen ist als Schafswolle. Außerdem ist sie bedeutend langlebiger und hält siebenmal wärmer als normale Wolle, was sie zu einer der feinsten (und teuersten) tierischen Fasern der Welt macht. Alpakahaar ist sogar für Allergiker geeignet!

Das Ende der Schaf-Ära

Als Paramo wird das sensible Ökosystem bezeichnet, das vor allem als Vegetationsform in den ecuadorianischen Anden, aber auch in Kolumbien, Venezuela und Nordperu vorkommt. Die natürlich Vegetation, allen voran die vielen Büsche der Chuquiragua-Pflanze, wurden durch Weiden für die mehr als 1.400.000 Tiere Ende des 16.JH ersetzt. Da Schafe Pflanzen mitsamt ihrer Wurzeln fressen und durch ihre Klauen Bodenerosion provozieren, glich der Paramo Ende des 19.JH einer Wüste. Durch ihre Klauen und ihr Fressverhalten schädigten die Schafe der Natur in Ecuador beträchtlich, so dass schließlich sogar der ecuadorianische Staat eingriff.

 

Ein Vikunja inmitten von Chuquiragua-Pflanzen am Chimborazo-Vulkan.

 

Im Jahr 1987 erklärte die Regierung den Paramo zum Naturschutzgebiet. In der Gegend um den Chimborazo Vulkan ist z.B. sämtliches Land oberhalb von 3.800m zur sogenannten zona protegida, einer Schutzzone, deklariert worden. Ab dieser Höhe dürfen weder Flächen landwirtschaftlich bestellt noch Schafe oder Rinder gehalten werden, selbst wenn sich das Land im Privatbesitz befindet. Wovon also sollten die ansässigen Bauerngemeinden leben?

Wie die Alpakas Ecuadors Natur retteten

Unter 3.800m Höhe dürfen rund um den Chimborazo Vulkan auch weiterhin Schafe und Rinder gehalten sowie Flächen bestellt werden. Doch die Folgen der exzessiven Schafhaltung sowie die landschaftliche Veränderung des Paramo haben nicht nur die neuen Naturschutzgesetze Anfang der Neunziger Jahre ausgelöst, sondern auch etwas in der Bevölkerung bewegt. Die Chuquiragua-Pflanzen, die sie früher als Feuerholz anzündeten, existierten kaum noch. Durch den Erlös des Fleischs und der Wolle ihrer Schafe alleine konnten sie sich nicht finanzieren. Ein Plan musste her!

 

Der Paramo ohne Pflanzen gleicht stellenweise einer Wüste oder gar Mondlandschaft, so fremdartig erscheint die endlose rote Weite.

 

Während Großvieh nicht mehr in der Höhe gehalten werden durfte, konnte sich eine Tierart jedoch frei in den Anden bewegen: Das vom Aussterben bedrohte Vikunja. Vikunjas und Alpakas schädigen den Paramo nicht, sondern helfen ihm, weiter zu bestehen. Ihr Kot ist natürlicher Dünger für den Boden und wird zudem von Bauern gerne als Dung für Mais und Bohnen verwendet. Im Gegensatz zu Schafen knabbern sie außerdem nur die Triebe ab, lassen alle Pflanzen jedoch samt ihrer Wurzel weiter bestehen. Zudem haben Alpakas keine Hufe wie Pferde oder Klauen wie Kühe und Schafe, sondern sind Schwielensohler. Ihre zähen, aber im Vergleich zu Kühen und Schafen fast weichen, ledrigen Schwielen schädigen dem Boden nicht.

 

Keine bodenschädigenden Hufe, umweltverträglicheres Fressverhalten und feinere "Wolle": Alpakas haben viele Vorzüge gegenüber Schafen, was auch die Alpakahaltung in Ecuador wieder in Schwung gebracht hat.

 

Das Problem, was die meisten Gemeinden um den Chimborazo Vulkan in den Neunziger Jahren bis in die Zweitausender herein hatten, war Folgendes: Das Alpaka und das Vikunja waren aus Ecuador verschwunden. Es gab kaum Menschen, die mit der Wolle ihr Geld verdienten. Und so mussten sich die Gemeinden erst langsam wieder an die traditionelle Alpakahaltung herantasten.

Aus Peru wurden eigens Alpakahengste importiert, um die ecuadorianische Zucht wieder in Schwung zu bringen. Gemeinden sendeten Vertreter in ihr Nachbarland, um wertvolle Tiere für die eigene Zucht auszuwählen. Das Vikunja wurde zum Staatseigentum erklärt, wobei die umliegenden Gemeinden die wilden Tiere auf ihrem Gebiet scheren und die Fasern verarbeiten und verkaufen dürfen. Alpakas dürfen je nach Größe des Gebiets in kleinen bis mittelgroßen Herden gehalten werden, wobei die Gemeinden von deren Vlies und Fleisch profitieren.

 

Die Alpakas retteten sowohl die Gemeinden als auch die Natur in Ecuador, als der Wollpreis zu sinken und der Paramo sich in eine Wüste zu verwandeln begann.

 

Vor allem das Wollgeschäft macht die Alpakas für die Gemeinden zum doppelten Gewinn: Sie sind eine gute Einnahmequelle, da sich ihre Alapakahaarprodukte wesentlich besser vertreiben lassen als die Schafswolle, und fördern zudem die Regeneration des Paramo.

Mittlerweile gibt es wieder über 7.200 Vikunjas allein im Naturschutzgebiet des Chimborazo-Vulkans. Wer sich auf über 3.800m Höhe bewegt, kann Alpakaherden von an den hundert Tieren sehen.

 

Mit einer Alpakaherde auf über 3.800m in der Schutzzone vor dem Chimborazo: Ein Bild, das so noch vor 20 Jahren nicht entstanden wäre.

 

Rotbraun und beige, schwarz, flauschig-teddyfarben und cremeweiß. Zweiundzwanzig verschiedene Farbtöne, die im Sonnenlicht aufleuchten und Hoffnung versprechen für die Natur. Für die Gemeinden um den Chimborazo Vulkan sind die Alpakas nämlich vor allem eines: Die Retter des Paramo.

 

Weiter zum Artikel: Ein Leben mit Alpakas

Wo seid ihr schon Alpakas begegnet?