Ein Leben mit Alpakas

Von Kaya 28.09.18 12:23

Segundo steht im Abendlicht vor dem Chimborazo-Vulkan in Ecuador, hinter ihm glänzen die Körper von über 80 Alpakas. Neugierig drängen sie sich hinter ihn, ohne ihn direkt zu berühren. Es sind Distanztiere, aber eben auch Haustiere. Ab den frühen Morgenstunden verbringt die Herde ihre Zeit in der Schutzzone rund um den Chimborazo-Vulkan, bevor es abends in den sicher eingezäunten Offenstall einige Höhenmeter unterhalb geht. Jeden Tag steigt ein Mitglied der Gemeinde mit der Alpakaherde in die Schutzzone auf, heute ist es Segundo.

Die Position des Alpakahüters wird wöchentlich gewechselt, damit die Tiere nicht allein sind. Denn außer den domestizierten Alpakas dürfen sich in der Schutzzone nur Wildtiere befinden - Das sind unter anderem Kolibris, Kaninchen und Vikunjas, aber auch Kondore und Wölfe. Die Alpakas zu schützen, ist wichtiger denn je. Die Herden sichern nicht nur den Lebensunterhalt der Gemeinden, sondern tragen auch erheblich zum Schutz des Paramo (der dort vorherrschenden Vegetationsform) bei, wie man im Artikel Wie die Alpakas Ecuadors Natur retteten nachlesen kann.

 

Segundo vor seiner Alpakaherde.
Segundo vor seiner Alpakaherde.

 

Heute warten die Alpakas noch ein bisschen in ihrer windumtosten Kulisse, bevor es an den Abstieg geht, denn Segundo berichtet noch von der Bedeutung der Herde für seine Gemeinde.

 

Von Wildtieren und Haustieren

Ein Alpaka als Haustier, das ist derzeit der Traum vieler Europäer. Doch Alpakas sind weder Katzen noch Hunde, keine Teddies die man zum Kuscheln einmal aus der Gartenecke lockt und ihre Haltung steht unter einigen Auflagen.

So dürfen sie wie auch Pferde nicht alleine gehalten werden, da sie Herdentiere sind. Für Hengste gilt: Ein Artgenosse muss in Sichtweite sein. Sowohl in Deutschland, als auch in Österreich und der Schweiz gibt es viele Alpakazüchter, die sich in Verbänden zusammengeschlossen haben. Dass sich der Begriff “Haustier” dennoch eingeprägt hat, ist einfach zu erklären: Werden Tiere über lange Zeit, d.h. über mehrere Generationen hinweg durch Menschen von ihrer ursprünglichen genetischen Wildform getrennt, bezeichnet man sie nach dem Veränderungsprozess nicht mehr als Wild-, sondern Haustiere. Alpakas und Lamas gehören zu den ältesten so bezeichneten Haustierrassen der Welt!

 

Ein Anblick, der jeden unwillkürlich etwas glücklicher stimmt...ein junges Alpaka vor dem Chimborazo-Vulkan.
Ein Anblick, der jeden unwillkürlich etwas glücklicher stimmt...ein junges Alpaka vor dem Chimborazo-Vulkan.

 

Obwohl man bis Ende der 90er-Jahre davon ausging, dass beide Kameliden vom Guanako abstammen, ist mittlerweile die Abstammung des Alpakas vom Vikunja wissenschaftlich bestätigt.

 

Das Vlies der Götter

Niemals, außer vielleicht zu den Zeiten der Inka, war Alpakawolle beliebter als jetzt. Früher war das Tragen des “Vlies der Götter” ausschließlich dem Adel vorbehalten, zu Zeiten der Inka galt der Alpakamantel als besonders edel. Nun jedoch liegen Alpakasocken, -decken und -ponchos sowie sämtliche mit “Babyalpaka” deklarierte Ware im Trend wie nie zuvor.

Doch kann man überhaupt von Wolle sprechen?

 

Weich, weicher, Alpakas!
Weich, weicher, Alpakas!

 

Ähnlich wie wenn es um Milch geht, gibt es auch um den Begriff “Wolle” einige Unklarheiten, was die Produktdeklaration angeht. Im engen Sinn bezeichnet Wolle ein zusammenhängendes Stück der Schur. Bei Schafen bezeichnet man das Fell gemeinhin als Wolle, während bei Kamelen immer von Kamelhaar die Rede ist. Im weiteren Sinne wird aber auch oft das Vlies von Alpakas als “Alpakawolle” bezeichnet, auch wenn die Begriffe Faser und Haar üblicher sind.

Jedes Tier wird einmal jährlich geschoren, wobei der Ertrag einer Schur bis zu sechs Kilo betragen kann, wiegt man auch die Beinwolle mit. Meistens ist jedoch nur die Hälfte der Schur nutzbar, so dass pro Tier und Schur ein bis maximal drei Kilo Alpakawolle gewonnen werden.

 

Die Vorteile von Alpakawolle

Wie auch Schafswolle nimmt Alpakahaar wenig Dreck auf, neutralisiert dafür aber umso besser Gerüche und Schweiß. Der klare Vorteil von Alpakafaser ist jedoch, dass sie weniger elektrisiert als Schafswolle, nicht fusselt, bis zu siebenmal mehr wärmt als diese, nicht so schnell verformt, leichter zu reinigen und zudem für Tierhaar-Allergiker geeignet ist. Alpakawolle gibt es in 22 verschiedenen natürlichen Tönen von Weiß über Rotbraun bishin zu Tiefschwarz.

 

Die natürliche Farbe von Alpakawolle hat wie ihre Besitzer eine breite Farbpalette anzubieten: Es gibt sie in den schönsten Tönen von Cremeweiß über Bronze bishin zu Tiefschwarz.
Die natürliche Farbe von Alpakawolle hat wie ihre Besitzer eine breite Farbpalette anzubieten: Es gibt sie in den schönsten Tönen von Cremeweiß über Bronze bishin zu Tiefschwarz.

 

Dass die Alpakafaser als eine “sehr feine” Faser bekannt ist, hat tatsächlich mit der Dicke der Faser zu tun. Der Faserdurchmesser wird in Micron gemessen und je nach Dicke der Faser einer der vier verschiedenen Qualitätsklassen von Alpakawolle zugeteilt. In Südamerika unterscheidet man in den Klassen von Primera Fibra (Erste Faser) bis Cuarta Fibra (Vierte Faser), wobei die genaue Klassifizierung wegen oft aufgeführter Unterklassen etwas variiert - einige Listen weisen auch fünf oder sechs verschiedene Qualitätsklassen von Alpakawolle auf!

 

Qualitätsklassen von Alpakawolle

 

Klasse Bezeichnung (Abweichungen möglich!)
Primera Fibra Super Royal  < 16 Micron

Baby Royal   < 20 Micron

Baby Alpaka  20.1 - 23 Micron

Segunda Fibra Superfine     23.1 - 26.9 Micron
Tercera Fibra Medium       27.0 - 30.0 Micron
Cuarta Fibra Strong         31 - 35.9 Micron

Coarse        > 36 Micron

 

Die Erst- und Zweitschur von jungen Alpakas fällt meist gesamt in die erste Qualitätsklasse, wodurch der Begriff “Babyalpaka” geprägt wurde. Ab der dritten Schur werden die jungen Alpakas nicht mehr als Babyalpaka bezeichnet. Doch Das Vlies vom Rücken erwachsener Alpakas zählt meist ebenfalls zur ersten Qualitätsklasse.

 

Die Bezeichnung "Babyalpaka" bezieht sich auf die Qualität der Alpakafaser! Die Wolle von Jungtieren von ~ 1,5 Jahren zählt bis zur 3. Schur auch meist zu dieser Qualitätsklasse.
Die Bezeichnung "Babyalpaka" bezieht sich auf die Qualität der Alpakafaser! Die Wolle von Jungtieren von ~ 1,5 Jahren zählt bis zur 3. Schur auch meist zu dieser Qualitätsklasse.

 

Alpakavlies von Hals und Schenkeln sowie die Faser von älteren Alpakas, die schon mehrfach Junge (crías) geworfen haben, zählt zu einer groberen Klasse. Im Vergleich ist diese Faser dennoch sehr fein, so liegt die Dicke herkömmlicher Schafswolle bei 40 Micron und die von Menschenhaar bei weit über 50 Micron.

 

Ein Leben mit Alpakas

Während sich Segundo langsam an den Abstieg mit seiner Herde macht, kommentiert er einzelne Tiere. 86 Stück sind es, er kennt sie alle. Alpakas können bis zu 18 Jahre alt werden. Hier in der Gemeinde halten sie ihre Tiere bis sie 12-14 Jahre alt sind, dann werden sie verkauft oder geschlachtet. Nach vier Würfen, so Segundo nüchtern, ist die Schur eben nicht mehr so gut.

Als es mit der Schafszucht am Chimborazo-Vulkan zu Ende ging, war er einer der Ersten, die nach Peru reisten, in das Land, das bis heute über 75% aller Alpakas beherbergt. Bei professionellen Alpakazüchtern lernte er alles über die Qualität von Alpakafaser und was es bei der Zucht zu beachten gibt. Als schließlich die Regierung Ecuadors ein Abkommen mit dem peruanischen Staat traf, wurden Alpakahengste aus Peru nach Ecuador importiert. Drei von ihnen erhielt Segundos Gemeinde. Jedes Alpaka seiner Herde ist um die 3.000-4.000 Dollar wert, die Hengste mehr.

 

Die wilden Vikunjas sind in Ecuador Eigentum der Regierung, ihr Haar geht jedoch an die Gemeinden.
Die wilden Vikunjas sind in Ecuador Eigentum der Regierung, ihr Haar geht jedoch an die Gemeinden.

 

Das Vlies jeder Schur ergibt einen Ertrag von um den 800 Dollar, außerdem darf die Gemeinde am Chimborazo sogar die wilden Vikunjas scheren, welche Eigentum des ecuadorianischen Staats sind. Über 12 Familien der Gemeinde sind an der Alpakazucht beteiligt, Frauen wie Männer. Viele der Frauen sind am Prozess der Verarbeitung beteiligt, sie sortieren das Vlies nach Qualitätsklassen, verarbeiten es zu Garn und stellen Handschuhe, Mützen, Schals, Ponchos, Westen, Taschen und Pullis her - per Hand.

 

Beim Reden, beim Warten, beim Entspannen im Schatten: Das Strickzeug ist immer dabei.
Beim Reden, beim Warten, beim Entspannen im Schatten: Das Strickzeug ist immer dabei.

 

In einem Laden an der Hauptstraße verkaufen sie ihre Produkte an Touristen oder sitzen im Schatten und stricken. In jeder freien Minute wird gestrickt, auch beim Unterhalten, es geschieht wie nebenher. Untereinander werden Muster getauscht, so dass jede Frau der Gemeinde die diversen Alpaka-Erzeugnisse herstellen kann. Auf die Weide gehen sie dennoch mit den Alpakas, eine Woche als Alpakahirtin, wie die Männer. Das gehört eben dazu, zum Leben mit Alpakas.

 

Frauen aus der Gemeinde mit ihren handgefertigten Alpakaprodukten. Manchmal arbeiten auch sie als Alpakahirtinnen.
Frauen aus der Gemeinde mit ihren handgefertigten Alpakaprodukten. Manchmal arbeiten auch sie als Alpakahirtinnen.

 

Mehr über Alpakas:

 

Wusstet ihr, dass es auch in Deutschland, der Schweiz und Österreich viele Alpakahöfe und Alpakazuchten gibt, die man besichtigen kann? 

 

Tags: News, Umwelt & Verantwortung

Teilen
Weitere Artikel

Abonnieren