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Peru: Die dunkle Seite des weißen Steins

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„Jetzt weiß ich, warum Arequipa die ‚weiße Stadt‘ genannt wird!“, dachte ich, als ich das erste Mal auf dem Plaza de Armas stand. An allen Seiten begrenzen majestätisch wirkende Gebäude den Hauptplatz der Stadt. Ihre strahlend weißen Fassaden bilden einen starken Kontrast zum stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Aufwändig verzierte Portale schmücken die Kolonialbauten. Die Arequipeños sind sehr stolz auf ihren „Sillar“, wie der weiße Stein hier heißt. Zurecht, denn außerhalb der Stadt wird man ihn vergebens suchen. Was jedoch selbst viele Arequipeños nicht wissen: Heute wie früher werden die Steine unter unmenschlichsten Bedingungen abgebaut.

Szenenwechsel: Als wir am Steinbruch ankommen, stehen die Arbeiter samt ihrer Frauen und Kinder Spalier und applaudieren. Zugegebenermaßen ein sehr komisches Gefühl. Der weiße Stein reflektiert die Hitze gnadenlos. Nirgendwo ist Schatten. Die vereinzelten, löchrigen Sombreros scheinen schon lange nicht mehr ihren Sinn zu erfüllen, genauso wenig die Sonnenbrillen mit nur einem Glas. Die völlig abgenutzten Sandalen bestehen nur noch aus vereinzelten Riemen und dünner Sohle.

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Um die Geschichte des Sillars und „seiner“ Arbeiter zu verstehen, müssen wir viele Jahre zurück gehen, genaugenommen mindestens 100.000 Jahre. Soweit liegt nämlich der letzte Ausbruch des Vulkans Chachani zurück, der sich in der Nähe der Arequipas befindet. Die damals ausgetretene Lava bedeckte ein ca. 500 Quadratkilometer großes Areal, lagerte sich in Bodenvertiefungen ab und verwandelte sich im Laufe der Zeit zu einem weißen Gestein, dem Sillar.

Sillar bedeutet „Quader“. Der Stein erhielt seinen Namen vermutlich durch die Form, in der er abgebaut wird. Da die Erdspalten mit dem angereicherten Sillar das gesamte Stadtgebiet durchziehen, gibt es in Arequipa zahlreiche Steinbrüche.

Die Stadt Arequipa wurde erst in der Kolonialzeit, im Jahr 1540, durch die Spanier gegründet und seither prägt der Sillar, der nur in dieser Gegend vorkommt, den typischen arequipeñischen Baustil. Die Verwendung des Sillar wurde im Laufe der Stadtgeschichte immer vielseitiger. Zunächst verwendeten die Architekten den Sillar nur für verschnörkelte Dekorationen der Portale, da der Stein sich sehr gut bearbeiten lässt, aber dennoch dauerhaft ist. Mit einem speziellen Mörtel aus Kalk, Gips, Sand und Zement wurden etwas später dann auch Wände und Mauern aus dem weißen Gestein errichtet. Diese Zusammenstellung war nötig, da der Stein sehr viel Feuchtigkeit aufsaugt. Mit Eiweiß wurde die Haftfestigkeit zusätzlich erhöht. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden der Sillar auch zum Bau von Gewölben verwendet. 1687 zerstörte ein Erdbeben viele Gebäude in Arequipa. Beim Wiederaufbau wurde der Bau mit Sillar perfektioniert und so erhielt Arequipa seine bis heute einzigartige Architektur aus dem weißen Stein.

Über die Jahrhunderte hinweg lässt sich eine sogenannte „architektonische Emigration“ des Gesteins feststellen: Sillar wird heute vor allem in den sogenannten „Pueblos Jóvenes“ am Stadtrand verbaut. Dort, wo es keinen Strom, geschweige denn geteerte Straßen mehr gibt.

Während früher nur Wohlhabende ihre Häuser, Kirchen und andere wichtige Gebäude aus Sillar bauen ließen, nutzt heute vor allem die arme Bevölkerung das Gestein. Da der Stein das am häufigsten vorkommende Baumaterial in Arequipa ist, ist er recht günstig und wegen seiner Belastbarkeit sehr beliebt.

Allerdings ist die Bautechnik heute eher praktisch und weniger anspruchsvoll. Unsere Fahrt zum Steinbruch führt uns vorbei an notdürftig zusammengebastelten Sillar-Häusern und sorgfältig aufeinandergestapelten Steinen, die so etwas wie eine Mauer darstellen sollen.

Und dort in den Außenbezirken, ganz im Norden der Stadt, befindet sich auch der Steinbruch Parcha, den wir im Rahmen eines unserer allmonatlichen „Sozialtage“ besuchen – vollbeladen mit Werkzeug, Sombreros, Kleidung, Verbandszeug, Coca und jeder Menge Lebensmittel.

Hier in Parcha arbeiten rund 40 Menschen. Die jüngsten sind 10-jährige Kinder, der Älteste ist 80 Jahre alt und arbeitet immer noch im Steinbruch!

Die Mehrheit der Arbeiter ist uns gegenüber zurückhaltend und abwartend, so als würden sie dem Ganzen noch nicht so richtig trauen. Von einem der ältesten Arbeiter erfahren wir den Grund. Die „Canteros“, wie die Steinbrucharbeiter hier genannt werden, sind es nicht gewohnt, dass sich jemand für sie interessiert. Sie erhalten keinerlei staatliche Unterstützung und nur selten verirrt sich mal ein Politiker zu Wahlkampfzeiten in diese trostlose Gegend, um Versprechen zu machen, die noch nie eingehalten wurden. Dass sich jemand tatsächlich um ihre Bedürfnisse sorgt, ist ihnen völlig fremd.

Dabei sind ihre Bedürfnisse so offensichtlich: Es mangelt bereits an grundlegendsten Dingen. Ohne Arbeitskleidung und mit einfachster Ausrüstung sind die Arbeiter bei ihren 10-stündigen Arbeitstagen kaum gegen die pralle Sonne, den feinen Staub und Unfälle geschützt. Besonders der Staub macht die Arbeit im Steinbruch zu einer Qual. Nur wenige besitzen Brillen als Schutz für die Augen, doch Schutz für Nase und Mund gibt es überhaupt nicht. So behelfen sich die Arbeiter mit Coca, das sie im Mund behalten und den Staub etwas bindet. Probleme mit Augen und Atemwegen sind die häufigsten Krankheiten der Arbeiter.

Der Steinbruch ist ein sehr gefährlicher Arbeitsplatz, erzählen sie uns. Schürfwunden und Knochenbrüche sind an der Tagesordnung. Ärztliche Versorgung gibt es nicht und dadurch, dass sie keine Krankenversicherung besitzen, sind Arztbesuche oder gar Krankenhausaufenthalte fast unbezahlbar.

Doch viele haben keine andere Wahl. Nur Vereinzelte besitzen eine abgeschlossene Schulausbildung, die Mehrheit, besonders die ältere Generation, hat noch nicht einmal die Grundschule beendet. Damit sind die beruflichen Perspektiven sehr begrenzt. Viele arbeiten seit ihrer Kindheit in dem Steinbruch – zuerst mit ihren Vätern zusammen, später für sich selbst und ihre eigenen Familien.

Lukrativ ist die Arbeit mit dem Sillar jedoch keineswegs, auch wenn man das aufgrund seiner Beliebtheit vermuten könnte. Ungefähr eine Woche benötigen die Canteros, um mit ihren einfachen Werkzeugen wie Hammer und Meißel einen großen Brocken Gestein zu etwa 100 einzelnen Sillar-Quadern zu verarbeiten. Pro Quader erhalten die Arbeiter im Durchschnitt 1,50 Soles (ca. 0,38 Euro); das macht einen Stundenlohn von weniger als einem Euro. Damit leben die Arbeiter weit unter dem peruanischen Existenzminimum. Das verdiente Geld wird komplett für Lebensmittel benötigt, so dass nichts für die Schulbildung der Kinder übrig bleibt. Also fangen auch diese schon früh an, mit ihren Vätern im Steinbruch zu arbeiten. Ein Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Doch all das sieht man den Gebäuden im Zentrum mit ihren unschuldig weißen Fassaden nicht an. Für die Besucher und auch die meisten Einwohner ist der Sillar der weiße Stein Arequipas und seine dunkle Seite bleibt ihnen verborgen.

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