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Peru: Medizinische Versorgung für alle – Theorie vs. Realität

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Acht Uhr morgens im Hospital Metropolitano Honorio Delgado in Arequipa – Schichtbeginn für Ärztin im praktischen Jahr Betty. Momentan leistet die 26-jährige ihren Dienst in der Notaufnahme, unbezahlt. „Das Losverfahren entscheidet, wer in welches Krankenhaus oder Klinik kommt und nur wenige zahlen uns Ärzten in der Ausbildung ein Gehalt. Doch ich habe noch Glück“, erklärt Betty mir, „nicht jeder kann direkt in Arequipa bleiben, sondern viele werden auch in Außenstellen geschickt, weit entfernt von der Stadt. Dort müssen sie für Unterkunft und Verpflegung dann selbst aufkommen. So kann ich wenigstens bei meinen Eltern wohnen.“

Mein erster Eindruck vom Krankenhaus ist erschütternd. Die Notaufnahme ist vollkommen überfüllt, wie schon im letzten Jahr, als ich das erste Mal dorthin fuhr. Unsere Carmencita stürzte vor einiger Zeit im Garten und konnte nicht mehr auftreten. Wir fuhren mit ihr zum Krankenhaus und der Anblick von heute ist derselbe gewesen. Nicht nur im Warteraum, sondern auch auf den Gängen warten die Menschen auf ihre Behandlung. Es gibt einige leichte Fälle, weinende Kinder mit Grippe und Fieber, die von ihren besorgten Müttern gebracht wurden. Besonders leid tut mir ein älterer Mann, der geduldig und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seine Behandlung wartet. Er hat einen Verband um sein graues Haar, an einigen Stellen tropft schon Blut durch. Mir zerreißt es fast das Herz und ich wende den Blick ab. „Wir können einfach nicht schneller“, sagt Betty mir, „so viele Leute kommen am Tag, jeder Arzt behandelt sicher im Schnitt 40 Patienten in einer Acht-Stunden-Schicht und oft sind Fälle dabei, die wirklich Zeit beanspruchen, da ist es mit 15 Minuten nicht getan.“

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Auch im letzten Jahr, als wir mit Carmencita kamen, haben wir diese Erfahrung gemacht. Es schien uns eine Ewigkeit, bis ihre Personalien aufgenommen wurden. Als sie dann endlich, nach mehr als zwei Stunden Warten an der Reihe war, dauerte es sicherlich noch mal knapp zwei Stunden, bis Carmencita ihren Fuß in einem provisorischen Gips hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich ungläubig im Behandlungsbereich der Notaufnahme saß. Die Geräte sahen aus wie aus einem alten schwarz-weiß Film der 30er Jahre. Ameisen krochen auf dem Boden herum, steril war hier rein gar nichts und ich war froh, dass Carmencita „nur“ den Knöchel gebrochen hatte. Insgeheim hoffte ich, dass mir niemals etwas passieren würde, damit ich bloß nicht in dieses „„Krankenhaus“ gebracht werden müsste.

Diese Gedanken sind sicherlich nachvollziehbar, für einen Europäer. Ein Peruaner sieht dies vollkommen anders. Carmencita ist froh, dass sie überhaupt eine Versicherung hat. Denn dies ist nicht selbstverständlich in Peru. Knapp 50% der Bevölkerung lebt in Armut, ebensoviele leben ohne fließendes Wasser und ein noch höherer Prozentteil hat keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. „Viele Menschen meinen, dass Peruaner, die keine Versicherung haben, auch vom Staat nicht versorgt werden würden“, berichtet mir Betty, „Dies ist jedoch nicht richtig. Jeder Peruaner hat ein Recht darauf, bei Krankheit behandelt zu werden. Der Staat hat verschiedenene Systeme entwickelt, die eine ganzheitliche Versorgung theoretisch ermöglicht“. Theoretisch?, frage ich mich, bis ich die Antwort bekomme. „Puestos de Salud“ – kleine oder größere Krankenstationen – befinden sich eben nur in den Städten oder größeren Dörfern des Landes. Weit ab von den Dörfern findet man stundenlang keine medizinische Einrichtung. Ich denke an Emiliano, unseren lieben Präsidenten aus der Gemeinde Chifron der Halbinsel Capachica am Titicacasee, wo auch unsere Gruppen übernachten. Er erzählte mir, dass nur in den schlimmsten Fällen ein Arzt aufgesucht werden kann, und oft auch nicht dann. Puno, die nächstgrößte Stadt, ist mit dem Kleinbus drei Stunden entfernt. Kaum jemand aus Chifron war in seinem Leben je bei einem Arzt – auch wenn es theoretisch die Möglichkeit gäbe. Der Staat versucht zwar eine ganzheitliche Versorgung zu gewährleisten, in der Praxis ist dies jedoch nicht möglich.

Als ich vor vier Jahren in einer Dschungellodge im Bundesstaat Iquitos war, hatte der Junge der Familie, der die Lodge gehörte, hohes Fieber. Ich fragte, blauäugig, warum sie nicht zu einem Arzt gingen. Dabei fiel mir ein, dass ich Iquitos am Vortag in einer Bootsfahrt vier Stunden hinter mir gelassen hatte. Wir gaben Manuel ein paar Tabletten Paracetamol, das Fieber sank innerhalb weniger Stunden – undenkbar für die Familie, für die ärztliche Versorgung einfach unerreichbar ist. „Wenn mal Medikamente hier bei uns ankommen“, sagt Manuels Mutter verbittert, „dann sind sie meist schon abgelaufen. Aber was sollen wir tun?“

So wie Manuels Familie geht es über 60% der peruanischen Bevölkerung. Insgesamt nehmen die Gesundheitsindikatoren wie z.B. Kindersterblichkeit zwar ab, doch die Situation insgesamt verbessert sich durch das hohe Bevölkerungswachstum nicht. Selbst in Lima, wo es viele Krankenstationen gibt, sterben immer noch Menschen, besonders Kinder, an Krankheiten wie einer Lungenentzündung, Unterernährung oder verschleppten Krankheiten, die in Deutschland innerhalb von drei Tagen geheilt werden.

Traurig und nachdenklich schaue ich mich in der Notaufnahme um: Dies sind also die Menschen, die noch recht gut gestellt sind, denke ich. Für mich ist ein Aufenthalt in diesem Krankenhaus eine absolute Horrorvorstellung. Carmencita geht es nicht anders als sie erfährt, dass für die Nacht nun kein Bett mehr frei sein soll. Ungläubig schaue ich den behandelnden Arzt an: „Sie wollen mir sagen, dass Senora Nunez nun auf dem Gang im Rollstuhl schlafen soll??? Mit einem gebrochenen, aber noch nicht gerichteten Fuß???“ Mit einem komischen und leicht abwertenden Blick bekomme ich die Antwort: „Was denken Sie denn, wo ich die ganzen Leute unterbringen soll? Ihre Freundin ist nicht die einzige und lange nicht die kränkste Person, die heute Nacht nicht in einem Bett schlafen wird!“ Trotzdem, verzweifelt versuchen wir, Carmencita ein zumindest halbwegs annehmbares Nachtlager bereitzustellen. Letzendlich darf sie auf einer Pritsche in der Notaufnahme schlafen, zumindest liegend und in Ruhe, nicht auf dem Gang. Die anderen Leute schauen uns schon ein wenig schief an, schließlich geht es ihnen nicht besser. Trotzdem haben wir Carmencita zwei Tage später in ein besseres Krankenhaus verlegen lassen.

„Wir tun was wir können“, sagt Betty schon ein wenig traurig „, aber die Möglichkeiten sind einfach begrenzt und du musst dir jeden Tag auf’s neue sagen, dass du zumindest im Rahmen der Möglichkeiten dein Bestes gibst. Sonst dürftest du in Peru nicht Arzt werden, das würde dich kaputt machen.“

Nachdenklich verlasse ich das Krankenhaus und bin sehr dankbar. Warum? Am Sonntag entzündete sich mein Handgelenk. Meine Auslandskrankenversicherung erlaubt es mir, in eine Privatklinik zu gehen. Es ist zwar nicht die modernste Klinik, doch nach einer Stunde war ich, mit geröntger, behandelter und nicht mehr schmerzenden Hand wieder zu Hause. Ob das nun gerecht ist oder nicht, mag ich nicht zu beurteilen. Doch ich kann nicht leugnen, dass ich froh war, nicht in das Hospital Metropolitano Honorio Delgado gehen zu müssen.

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