Willkommen im Vulkanland: Über das Leben mit einem aktiven Vulkan

Von Kaya s 18.01.19 12:59

Auf 3.600m liegt, malerisch eingebettet zwischen Vulkanen im Cotopaxi Nationalpark, die Hacienda El Porvenir in Ecuador. Rote Gebäude mit dunklen Strohdächern verteilen sich in in der dunkelgrünen Landschaft, über die gerade die Dämmerung hereinbricht. Im Abendlicht scheinen die Häuser förmlich zu glühen. Jorge Perez, der Eigentümer der Hacienda, kommt auf uns zu und heißt uns willkommen im Vulkanland.

Gleich vier Vulkane umgeben die Hacienda El Porvenir: Der näheste ist der Ruminahui, welcher sich weiß hinter den bunten Häusern abhebt, der berühmteste ist der aktive Vulkan Cotopaxi. Sie verliehen der Hacienda El Porvenir - Tierra del Volcan ihren Namen. Tierra del Volcan, das bedeutet die Erde des Vulkans, oder auch: Vulkanland.

 

Die Hacienda El Porvenir liegt inmitten von vier Vulkanen südlich von Quito. Die Hacienda El Porvenir liegt inmitten von vier Vulkanen südlich von Quito.

 

Wie kommt man darauf, sich inmitten von Vulkanen niederzulassen? Was bedeutet es, in unmittelbarer Nähe von einem aktiven Vulkan zu leben? Bei einem warmen Canelazo und herzhaften Käse-Empanadas erzählt uns Jorge die Geschichte seiner Hacienda.

 

El Porvenir - ein Grund zum Kommen

Ende des 19. Jahrhunderts noch galt das Vulkanland rund um den Cotopaxi Vulkan als unattraktiv. Zu rau, zu karg und zu windig sei es, um sich hier ein Leben aufzubauen. Komplett unbewohnt war die Region aber dennoch nicht. Die wenigen Grundbesitzer besaßen große Landstücke, sogenannte Chakras, welche die “Cowboys der Anden”, als Chagras bezeichnet, bei ihrer Arbeit zu Pferd durchquerten.

 

Auf Criollo-Pferden geht es mit typischer-Chagrakleidung durch das Vulkanland. 
 

 

Immer wieder überzeugten sich auch neugierige Besucher von der überwältigenden Schönheit des heutigen Cotopaxi Nationalparks, darunter Jorges Ur-Uroma. Als ihr Mann in der Hafenstadt Guayaquil starb, entschied sie sich zu einem mutigen Schritt: Sie kaufte sich eine ungeheur große Menge Land, inklusive einiger Stallungen, und zog samt ihren Kindern um - von der ecuadorianischen Küste mitten ins Vulkanland. Unter den erworbenen Gebäuden auf ihrem neuen Land befand sich auch eine Hacienda.

 

Die Gebäude der Hacienda El Porvenir sind ehemalige Stallungen und einfache Wohnhäuser, die nach und nach umgebaut wurden. Die Gebäude der Hacienda El Porvenir sind ehemalige Stallungen und einfache Wohnhäuser, die nach und nach umgebaut wurden.

 

Da alle ihr, ungläubig ob ihrer Zukunftspläne, davon abgeraten hatten, Vulkanland zu kaufen, da dieses “nicht zum Kommen einladen würde”, entschied sie sich, den Menschen das Gegenteil zu beweisen. Sie benannte die Hacienda um in “El Porvenir” -  ihren Grund “zum Herkommen”.

 

Leben mit einem aktiven Vulkan

Das Leben mit einem aktiven Vulkan ist hier eine Selbstverständlichkeit, die dennoch einen ganz besonderen Stellenwert im Alltag jedes einzelnen einnimmt. Fragt man nach dem Risiko eines Ausbruchs, oder wie es denn so sei, am Fuß eines aktiven Vulkans zu leben, schwingt Stolz in den Antworten mit. Die Vulkane werden untereinander in Ecuador als Verwandte angesehen, so gibt es Eltern und Söhne, Töchter und Witwen unter ihnen.

 

Auf dem Weg zum Ruminahui-Vulkan gibt es Aussichtsplattformen, von denen man bei guter Sicht bis zum Cotopaxi blicken kann. Auf dem Weg zum Ruminahui-Vulkan gibt es Aussichtsplattformen, von denen man bei guter Sicht bis zum Cotopaxi blicken kann.

 

Der Cotopaxi und seine Geschwister, so scheint es, sind auch Familienmitglieder der Einwohner. Ihre schlichte Präsenz verleiht der gesamten Umgebung Kraft und Energie, die sich auf alle Bewohner auswirkt. Ganze Bücher gefüllt mit Legenden und Lehrgeschichten rund um die Vulkane füllen die Regale im Porvenir, welches Jorges Erzählungen zufolge tanzend erbaut wurde. Erde, Kuhfladen und Zement wurden unter den Füßen wilder Tänzer vermischt und bildeten die Basis für die Gebäude. Zement und Erde, Holz und Stroh verleihen den rustikalen Gebäuden einen ursprünglichen und wilden Charme, während sich im Inneren gemütliche Aufenthaltsräume und komfortable Schlafzimmer bishin zu einem luxuriösen Wellnessbereich befinden.

 

Nach den Winden im Vulkanland ist nichts schöner als ein Aufenthaltsraum mit Kamin...oder ein paar leckere Empanadas! Nach den Winden im Vulkanland ist nichts schöner als ein Aufenthaltsraum mit Kamin...oder ein paar leckere Empanadas!

 

Die Lebensfreude, unter denen El Porvenir erbaut wurde, und die Energie der umliegenden Vulkane ist in jedem Raum spürbar.

 

Vulkantourismus: Vom Kommen und Gehen

Natürlich ist das Leben mit einem aktiven Vulkan nicht immer einfach. Es gibt Gefahren, und es gibt Ausbrüche. Jorge selbst arbeitet seit 1999 im Porvenir, er war mitverantwortlich, als damals die Hacienda für Besucher zugänglich wurde. Von den ehemaligen Stallungen wurde El Porvenir umgebaut in eine Hacienda für Abenteurer von fern und nah. Bergsteiger und Mountainbiker findet man in den Gebäuden ebenso wie Menschen, die einfach mal Entspannen möchten, Energie tanken - und wo könnte man das besser, als im Vulkanland?

 

Auf Erkundungstour im Cotopaxi Nationalpark. Auf Erkundungstour im Cotopaxi Nationalpark.

 

Wie oft es seit der Eröffnung der Hacienda im Jahr 1999 kritisch wurde, kann Jorge an einer Hand abzählen. Das Gebiet ist in verschiedene Schutzringe unterteilt. Sollte Gefahr bestehen, werden diese umgehend evakuiert. Durch seine Lage hinter dem inaktiven Ruminahui sei El Porvenir auf natürliche Weise vor dem Cotopaxi geschützt, so Jorge, doch Schließen musste er in der letzten Aktivitätsphase des Cotopaxi dennoch. 2015 stieß dieser Gas und Asche aus und versetzte ganz Ecuador in Alarmbereitschaft. Im Inneren des Vulkans ereigneten sich ab August des Jahres 2015 mehrere Explosionen, wobei sich die aktive Ausbruchphase nach außen hin durch die großen Aschewolken äußerte. Die letzte große Eruption erfolgte im Jahr 1904, wobei noch bis 1940 kleinere Ausbrüche folgten. Was für Ausmaße eine Eruption des Cotopaxi haben kann, lässt sich an seinem größten Ausbruch 1877 erahnen: Die ausgetretene Lava schmolz den Gipfelgletscher komplett ab. Durch die entstandene Lawine aus Erde und Schlamm wurde die nahe Stadt Latacunga sowie das umliegende Land komplett zerstört.

 

Bis zum Beginn der Eisschicht des Gipfelgletschers kann man wandern, ab dann geht es nur noch für Bergsteiger weiter hinauf zum Cotopaxi. Bis zum Beginn der Eisschicht des Gipfelgletschers kann man wandern, ab dann geht es nur noch für Bergsteiger weiter hinauf zum Cotopaxi.

 

Heute jedoch wird der Cotopaxi fast täglich bestiegen, Besucher machen sich zu Fuß oder per Mountainbike auf durch das weite Vulkanland. Wer es besonders ursprünglich mag, begibt sich in die sichere Begleitung eines Chagras, einen der Cowboys der Anden. Diese folgen den Pfaden, welche die Wildpferde rund um die Vulkane hinterlassen. Hoch zu Pferd befindet man sich über den wilden, hohen Gräsern, scheint den Effekt der Höhe kaum noch zu bemerken, während Andenkondore am Himmel ihre Kreise ziehen.

 

Zu Pferd geht es durch die Graslandschaften des Paramo. Zu Pferd geht es durch die Graslandschaften des Paramo.

 

Andere Wildtiere zeigen weniger Scheu vor Reitern als vor Wanderern und Bikern, ganz nah sieht man wilde Pferde, Greifvögel und ihre Beutetiere wie Andenkaninchen und mit etwas Glück auch einen Andenfuchs. Die Landschaft scheint, selbst vom Pferderücken aus betrachtet, riesig. Immer wieder durchquert man mit Blick auf den Ruminahui, den Quilindana oder den Cotopaxi verschiedene Holzgatter, hinter denen Stiere grasen, kommt an Andenhaciendas und frisch gepflanzten Bäumen vorbei.

 

Ein Andenkondor nahe dem Ruminahui Vulkan. Ein Andenkondor nahe dem Ruminahui Vulkan.

 

Dass dieses Land geschützt und bewahrt werden muss, ist jedem klar, der einmal unter der Äquatorsonne durch die wogenden Grasflächen gezogen ist.

 

Ein Nationalpark für einen Vulkan

Seit Jahren schon ist ein großer Teil des Vulkanlands im Besitz von Jorges Familie, einst war sogar der Cotopaxi Vulkan selbst Teil davon. 1975 wurde das Gebiet um den aktiven Vulkan schließlich zu einem der neun Nationalparks Ecuadors deklariert. Das Land, welches seine Ur-Uroma einst veranlasste, ihren Wohnsitz an der Küste aufzugeben und an die Seite eines aktiven Vulkans zu ziehen, will Jorge weiterhin schützen. Er initiiert Schulungen zum Umweltschutz, füllt Bibliotheken mit Lehrmaterial und ist Mitgründer einer Organisation aus privaten Parkwächtern und Landbesitzern, welche Samenbanken anlegen und neue Bäume anpflanzen, Lehrschilder aufstellen oder sich um eine bessere Müllverwertung kümmern. Über 2000.000 Bäume wurden so bereits gepflanzt, und erst im Jahr 2017 wurde ein neuer Steg fertig gestellt, welcher als Lehrpfad um eine nahe Lagune führt.

 

Der Steg zur Limpiopungo Lagune im Cotopaxi Nationalpark. Der Steg zur Limpiopungo Lagune im Cotopaxi Nationalpark.

 

Wilderer und umweltschädigende Pestizide sind einige der größten Probleme, gegen welche die Organisation zum Schutz des Paramo, der vorherrschenden Vegetationsform im Cotopaxi Nationalpark, ankämpft. Das Ziel seiner Großmutter, zu beweisen, dass das Vulkanland sehr wohl zum Kommen taugt, ist längst erreicht. Denn die Besucher kommen: Zum Reiten und Trekken, zum Biken und Klettern, oder auch einfach für den Besuch der lokalen Märkte, für den Anblick der Vulkane, zum Staunen und sogar zum Heiraten.

 

Ausritt vor majestätischer Kulisse. Ausritt vor majestätischer Kulisse.

 

Das Leben mit einem aktiven Vulkan birgt Herausforderungen und Abenteuer, bereichert einen aber auch mit ungeheurer Energie - und wird das hoffentlich noch lange weiter tun. Die Tierra del Volcan heißt jedenfalls alle willkommen.

 

Lage und Anfahrt

El Porvenir befindet sich nur 1,5h Autofahrstunden von Quito entfernt. Um die Hauptstadt jedoch zu verlassen, sollte wegen des dichten Verkehrs deutlich mehr Zeit eingeplant werden. Mehrere viventura Ecuador Reisen führen in den Cotopaxi Nationalpark:

sowie die für besondere Nachhaltigkeit ausgezeichnete

Aktivreise Ecuador Galapagos - Aktiv unterwegs vom Amazonas bis nach Galapagos.

Auf dieser Reise ist ein Ausritt zum Ruminahui Vulkan mit Blick auf den  Cotopaxi inklusive, außerdem übernachten die Reisenden in der Andenhacienda El Porvenir.

 

viventura Reisende in Chagrakleidung vor der Hacienda El Porvenir. viventura Reisende in Chagrakleidung vor der Hacienda El Porvenir.

 

Hier geht’s zu weiteren Artikeln über den Schutz des Paramo im Vulkanland Ecuador:

Würdet ihr eine Vulkanbesteigung wagen?

Tags: Cotopaxi, Ecuador, viventura, Nachhaltigkeit, Reisetipps, Reiten, Reportagen, Abenteuer, Umwelt & Verantwortung, Südamerika, Vulkan

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